Von Otto F. Beer

Als Fritz von Herzmanovsky-Orlando 1954 in Meran starb, war der Siebenundsiebzigjährige noch immer ein Geheimtip für Kenner. Gedruckt lag von ihm nur der Roman "Der Gaulschreck im Rosennetz" vor. Der aber war längst verschollen – die letzten Restexemplare hatte die Gestapo vernichtet. Sein skurriler Humor hatte in ein paar Wiener Geheimzirkeln Proselyten gemacht, ein wenig wohl auch in München. Erst in den folgenden Jahren erschien Band um Band Friedrich Torbergs Bearbeitung seiner Werke und machte sichtbar, welch ein messerscharfer Satiriker da unbeachtet auf Schloß Rametz gelebt und von deutschen und österreichischen Verlegern seine Manuskripte zurückgeschickt bekommen hatte. Vielleicht hätte auch die Torberg-Version nicht früher erscheinen können, denn etliche ihrer radikalen Eingriffe wären dem alten Herrn wohl kaum abzuringen gewesen. Schon die Witwe zu beschwichtigen, erforderte einen ganzen Mann.

Nun war Herzmanovsky kein professioneller Schreiber. Polgar sagte von ihm, er sei genial, solange er unter Diktat stehe. Alles das zu begradigen, was nicht "unter Diktat" geschrieben worden war, fiel dem Bearbeiter anheim. Aber seine Version hat immerhin Herzmanovsky als eine Art k. u. k. Surrealisten erkennen lassen, als ‚Kanzlisten im Reich der Phantasie", wie ihn Werner Hofmann nannte.

Seine ätzend scharfen Abstrusitäten fanden erst Bewunderer, später Nachahmer und jedenfalls zwischendurch Käufer. Die vierbändige Werkausgabe aus den fünfziger Jahren ist längst vergriffen, der Mann, dessen Manuskripte niemand haben wollte, ist ein Taschenbuchautor geworden. Was man nicht für möglich halten sollte: sogar übersetzt wurden diese schwarzgelben Clownerien und Bocksprünge. Nun liegen sie – wieder in der Torberg-Bearbeitung – in einer neuen zweibändigen Ausgabe vor –

Fritz von Herzmanovsky-Orlando: "Gesammelte Werke in zwei Bänden", herausgegeben und bearbeitet von Friedrich Torberg; Langen Müller Verlag, München; 350 und 400 S., zus. 29,60 DM.

Der im Laufe seines literarischen Daseins bereits mehrfach verschollene Gaulschreck ist also wieder greifbar: der Edle von Eynhuf, Beamter im kaiserlichen Hoftrommeldepot, der seinem Kaiser zum 25. Regierungsjubiläum eine zierliche 25, gebildet aus Milchzähnen junger Mädchen, überreichen möchte und auf der Jagd nach ihnen höchst unschickliche Abenteuer mit Minderjährigen erlebt, die diesen "korrekten Beamten, Fußwaschungspfeifer und wirren Amanten" zur Strecke bringen. Als erster Teil einer "österreichischen Trilogie" war der Roman gedacht, aber diese existierte, wie so vieles an seinem Oeuvre, nur in der Phantasie des Autors.

Der zweite Teil, "Das Maskenspiel der Genien", erforderte die tiefsten Eingriffe des Bearbeiters, der dritte, "Scoglio Pomo oder Bordfest am Fliegenden Holländer", wurde aus vielfältigen Skizzen zusammengetragen. Irgendwelche durchgehenden Figuren oder Handlungsmotive gibt es nicht, auch keine einheitliche Epoche. Einmal wird man in das Land Tarockanien versetzt, dessen vier alljährlich wechselnde Herrscher danach ausgesucht werden, ob sie den vier Königen in einem amtlich verwahrten "Normal-Tarockspiel" möglichst ähnlich sehen. Das andere Mal tummeln sich magische Hochstapler, ungarische Bitterwasserkönige und Hofstotterlehrer auf der Adria-Insel Scoglio Pomo, die dann während eines Flottenmanövers irrtümlich zerschossen wird – skurriles Modell des bereits in der Luft hängenden Untergangs der Donaumonarchie.