Seit mehr als zwei Monaten ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft gegen ein Dutzend Journalisten wegen Geheimnisverletzung. Sie stützt ihren Verdacht unter anderem auf Zeitungsberichte über die Anregung Staatssekretär Bahrs in Washington (und die Veröffentlichung der geheimen Telegramme des deutschen Botschafters darüber), in Westberlin ein sowjetisches Generalkonsulat zuzulassen.

In beiden Fällen handelt es sich – wie auch die vorgesetzte Bundesanwaltschaft annimmt – um publizistische Indiskretionen, nicht um die Preisgabe von Staatsgeheimnissen. Die Bundesregierung hat dennoch die Ermächtigung zur strafrechtlichen Verfolgung erteilt – in der Hoffnung, über die Journalisten die undichte Stelle im eigenen Apparat finden und abdichten zu können.

Der regierungsamtliche Zorn darüber, daß oppositionelle Blätter die Vertraulichkeit diplomatischer Gespräche und Dokumente durchbrochen haben, ist verständlich. Das gegen solche Subversionsversuche eingesetzte Mittel des Strafrechts weckt indes Bedenken. Inzwischen wurde nahezu die gesamte Redaktionsgemeinschaft der "Deutschen Zeitung – Christ und Welt" beschuldigt, obgleich die Redakteure kein Wort eines vertraulichen Dokuments veröffentlicht, sondern lediglich einen Bericht ihres Washingtoner Mitarbeiters gedruckt hatten. Wird da nicht die Strafverfolgung zur politischen Hexenjagd? Sie wirkt um so peinlicher, als die Verfolgten gar nicht diejenigen sind, die man verbrennen will. H. Sch.