Sein Gedenkblatt für Jacques Callot beginnt E. T. A. Hoffmann so: "Warum kann ich mich an deinen sonderbaren phantastischen Blättern nicht sattsehen, du kecker Meister!" Er bewunderte Callots romantische Originalität, seine aus Tier und Mensch geschaffenen Grotesken, die "dem ernsten, tiefer eindringenden Beschauer alle die geheimen Andeutungen enthüllen, die unter dem Schleier der Skurrilität verborgen liegen". So hat ihn die Romantik gesehen, mit der Tradition des Phantastischen und Grotesken.

Neuerdings werden gerade seine realistischen Qualitäten geschätzt. Callot gilt als der erste Kriegsreporter, der erste, der den Krieg nicht als ein wundervolles Schauspiel verherrlicht, der ihn als etwas Widerwärtiges gebrandmarkt und zweihundert Jahre vor Goya die "Schrecken des Krieges" gezeichnet hat.

Aber auch diese ihm zugesprochene Rolle als Prototyp des engagierten Künstlers ist nicht unbestritten. J. A. Schmoll, genannt Eisenwerth, nannte seinen 1966 publizierten Callot-Essay "Das Welttheater in der Kavalierperspektive".

In der Kunstgeschichte schließlich wird Callot als einer der bedeutendsten Graphiker des Manierismus interpretiert. Und wenn man in der eben erschienenen Gesamtausgabe blättert, die der Verlag Rogner & Bernhard, München, in seiner Reihe "Europäische Graphik von 1500 bis 1900" herausgebracht hat (Einleitung von Thomas Schröder, 2 Bände mit zusammen 1674 S., 49,– DM), dann fällt die Entscheidung nicht zugunsten des Phantasten oder des Realisten oder des Gesellschaftskritikers oder des Kavaliers – sie alle sind, Hoffmann würde sagen "auf eine wundersame Weise", gleichzeitig vorhanden, nicht einmal nacheinander, so daß man eine Entwicklung etwa von der Beschreibung realer Sachverhalte zur freien Imagination konstatieren könnte, sondern diese kontroversen Konstanten laufen nebeneinander und ineinander durch das ganze Werk. Sie treffen und verbinden sich manchmal sogar in der gleichen Folge, im gleichen Blatt. Die berühmte Folge der "Gobbi", dieser grotesken Mißgestalten, wird gern als Schulbeispiel für Callots exaltiert dämonische Phantasie zitiert. Aber sie stammen zweifellos aus der realen Sphäre. Callot hat die Zwerge und Buckligen am Hof der Medici in Florenz studiert.

In dieser neuen Gesamtausgabe kann man im Band I die Vorzeichnungen sehen, die 1616 in Florenz entstanden sind. Band II mit der Druckgraphik bringt dann die radierten "Gobbi", die Callot 1622 in Nancy ediert hat. Aber selbst die freieste, eine gleichsam surreale Variante des Themas, das große Antonius-Blatt von 1634, geht in der realen Substanz auf die Florentiner Hofzwerge zurück.

Der Zeichner Callot ist sehr viel unbekannter als der Kupferstecher und Radierer. Aber gerade der Zeichner ist die eigentliche Überraschung und der große Gewinn dieser Ausgabe, in der das gesamte zeichnerische Œuvre, rund 1400 Blätter aus vielen europäischen Museen, publiziert ist, in Originalgröße, soweit es das Buchformat zuläßt.

Eine Ausgabe, die dem "kecken Meister" Callot den Weg aus der engen Fachwelt in die Öffentlichkeit ebnet. Gottfried Sello