Von Nino Erné

Triest ist das Herz Europas – wenn Sie’s nicht glauben, nehmen Sie Ihren Atlas und ziehen Sie mit dem Zirkel einen Kreis von 2000 km um die Stadt: Er umschließt im Westen gerade noch die portugiesische Nasenspitze der alten Dame und im Osten den farbigen Saum ihres Rocks von Moskau bis Ankara. In Triest verbinden sich Romanen, Germanen, Slawen zu einer neuen, nur noch europäischen Bevölkerung. Ineinander verschlungen finden Sie die Wärme und Herzlichkeit des Südens, die spröde Zuverlässigkeit des Nordens, schlaftrunkene Weichheit des Orients und einen sehr westlichen Aktivismus. Der Künstler geht mit dem Kommerzienrat, und ein idealistisch übersteigerter, schier selbstmörderischer Patriotismus prallt mit einem naturgegebenen Weltbürgertum zusammen. Lage und Bevölkerung machten Triest einst zu einer der wichtigsten Städte der Donaumonarchie.

Kaum eine andere Großstadt unseres alten Erdteils, nicht einmal Marseille, bietet dem Besucher eine so vielfältig-großartige Ankunft, ob Sie, am Rande der Karsthöhe bei Opicina angelangt, plötzlich geblendet vom schillernden Meeresspiegel ins Zentrum hinunterrollen; ob Sie, umgekehrt, zu Schiff dem aufsteigenden Amphitheater der Häuser im hart flimmernden Licht entgegengleiten; ob Sie an der Steilküste entlangfahren und jenseits des weißen Schlosses Miramar die Stadt entdecken, die sich Ihnen im koketten Wechselspiel zeigt und wieder entzieht.

Im Bahnhof oder am Molo angekommen, mit Stadtplan und Prospekten wohlversehen, setzen Sie sich an ein Tischchen vor – oder im Winter in – das alte Patriotencafé "Tommaseo" nicht weit vom Molo, gleich neben dem Hotel de la Ville, das Fürst Metternich höchstpersönlich ins Leben gerufen hat. Ich wollte es Ihnen ohnehin empfehlen, falls Sie in der Stadt wohnen möchten und an Vergangenheitspatina Spaß haben. Mit Glück oder der richtigen Vorbestellung (Zimmer 114 im 2. Stock!) können Sie Ihre Begleiterin in Kaiserin Elisabeth von Österreich verwandeln. Cavaliere Rigoletti – er heißt wirklich so und ist der Besitzer – hat ein Doppelzimmer in der alten Einrichtung erhalten, nur das Bad ist neueren Datums. Daß dieses Boudoir nicht mehr kostet als die anderen "Doppie", nämlich 10 000 Lire, ist typisch triestinisch. Tradition wird gepflegt, aber nicht marktschreierisch unterstrichen oder ausgebeutet; auch die Dachterrasse mit Skulpturen und Rundblick über Hafen und Innenstadt findet keine besondere Erwähnung.

Teurer als so können Sie in Triest selbst gar nicht wohnen. "Corso", "Milano", "Regina", II. Kategorie, nehmen für ein Doppelzimmer mit Bad höchstens 7500 Lire, ein Hotel der III. Kategorie bis zu 6000 Lire. Wenn sie aut(o)ark sind, wohnen Sie noch billiger, ruhiger und im Sommer kühler in den kleinen Orten am Golf, etwa im "Sole" bei Muggia, dicht vor der jugoslawischen Grenze, am Wasser und nahe dem Campingplatz, "Da Slauko" in Prosecco, hoch oben am Hang, oder in den einfachen, sauberen Gasthöfen der Karsthöhe, etwa bei "Max" in Basovizza, wo schon Goethe am steinernen Tisch unter der Linde gesessen haben soll. Hier finden Sie aber nur Zutritt, wenn Sie dem Wirt sympathisch sind, andernfalls sagt er brummig, er habe keinen Platz, keine Bedienung, und seine Tochter bekomme gerade ein Kind ...

Nur Gammlern und solchen, die es werden wollen, ist anzuraten, in den Gassen Triests neben den Klingelknöpfen nach dem Zauberwort "Locanda" Ausschau zu halten. Dort müssen Sie Ihr Doppelzimmer, unter Umständen mit vier bis fünf anderen Gästen teilen. Wer dies hingegen nur mit der eigenen Dame des Herzens zu tun gedenkt, und für herrliche Lage mit modernem Komfort auch etwas mehr als 10 000 Lire zu zahlen bereit ist, ziehe nach Grignano vor den Toren der Stadt ins "Adriätico". Schwimmbad und Garage sind im Preis inbegriffen, ebenso der Balkon mit Meeresblick und das anregende Badezimmer, in dessen Spiegeln an drei Wänden Sie sich selbst, und, was noch viel hübscher ist, Ihre teure Gefährtin im Dutzend noch teurer erblicken. Führen Sie Ihre Dame auch einmal in den benachbarten Park von Miramar, nur nicht, an sommerlichen Abenden, zum Lichthörspiel "Suoni e Luci", Italiens Rekord im "Kitsch as Kitsch can".

Beginnen Sie den Tag mit einem Rundgang in die Stadt. Vom Ende des Molo Audace betrachten Sie Golf und alten Hafen und wenden sich um zum "großen", auf das Meer hin geöffneten Platz "Unità d’Italia". Von einer Ecke aus blickt der Direktionspalast des Lloyd Triestino auf den Molo dei Bersaglieri, wo seine eleganten weißen Ozeandampfer und Motorschiffe anlegen. Wußten Sie, daß in Triest die Schiffsschraube entdeckt und der erste Schraubendampfer gebaut worden ist? Und daß der Aufstieg der Stadt vor 250 Jahren begann, als Kaiser Karl der VI. sie zum Freihafen erklärte? Erweisen Sie deshalb bitte seinem Standbild Reverenz, am anderen Ende des Platzes im Winkel zwischen dem würdig-zierlichen Palazzo Pitteri und dem nicht ganz so gelungenen Rathaus. Und heben Sie bitte den Blick zu den hohen Bogenlampen, die in ihrer Form an Triests Wahrzeichen erinnern, die Hellebarde, der Sie auf Schritt und Tritt begegnen werden. Wenn Sie es mit den Triestinern verderben wollen, brauchen Sie nur darauf hinzuweisen, daß ihr eigentliches Symbol nicht die Hellebarde, sondern die "Melone" sei, der dicke runde Stein, mit dem man ihren Schutzpatron San Giusto ertränkt hat.