Filme aus Lateinamerika sah man bisher vor allem auf internationalen Festivals und im Fernsehen; nur in Frankreich und vereinzelt in Italien und Deutschland konnten sie sich auch im Kino durchsetzen. Mit messianischem Eifer hat bei uns der Journalist Peter B. Schumann seit 1966 über das unabhängige lateinamerikanische Kino geschrieben und referiert, den Kontinent bereist, Kontakte zu Regisseuren und Filmmacherkollektiven hergestellt und immer wieder Kopien nach Europa gebracht. Zu der von ihm geleiteten bisher größten Retrospektive "Film und Revolution in Lateinamerika", die in Frankfurt parallel zur Buchmesse lief, hat Schumann einen umfangreichen Katalog mit detailliertem Material zur allgemeinen Situation und zu den wichtigsten Filmen herausgegeben (Verlag Laufen, Oberhausen).

Diese Filme sind ein Politikum. Wer sie gesehen hat, so unterschiedlich sie qualitativ und intentional auch sind, der hat ein neues, prägnanteres Bild von einem Kontinent, über den wir erstaunlich wenig wissen. Es sind Filme der Opposition gegen die sozialen Zustände in diesem Kontinent, Filme der Agitation, der Aufklärung, der "kulturellen Dekolonisation", der präzisen Gesellschaftsanalyse, der erbitterten Anklage gegen Bourgeoisie, Großkapital und gegen eine systematische, im schönen. Verbund mit den Weltmächten organisierte Ausbeutung; aber auch Filme der Verzweiflung, der Hilflosigkeit und der inneren Emigration, Teil einer Kino-Guerilla, für die "Untergrund" keine modische Floskel, sondern eine tägliche, oft lebensgefährliche Realität bedeutet. Unsere Filme, sagt der prominente Vertreter des brasilianischen Cinema Novo, Glauber Rocha, artikulieren die Sprache unserer Kultur: eine Sprache des Hungers und der Gewalt.

Indem sie die Einsicht in die Veränderbarkeit der Gesellschaft vermitteln wollen, müssen sich diese Filme immer zugleich mit dem alten Volksglauben, mit Mythen, Riten und den Relikten archaischer Kulturen auseinandersetzen. Sie sind voll von Gesängen, Tänzen, Pathos und Pomp, voll exotischer Zeremonien, kultischer Akte und bizarrer Elemente. Da die jungen Regisseure aber zusätzlich noch ihre Erfahrungen mit der Avantgarde in Europa und Amerika einbringen, ergibt das einen für uns oft schwer erträglichen und zugänglichen disparaten Stil, vor dem alle vertrauten ästhetischen Kategorien versagen und der sich oft auch dem einfühlenden Zugriff versagt.

Unter dem Druck der Militärdiktatur hat sich ein Teil des jungen brasilianischen Films inzwischen so ziellos und hermetisch zu einem Anti-Kino entwickelt, daß er sich den Vorwurf eingetragen hat, intellektuelle Exportartikel zu produzieren und einer gefährlichen, elitären Koketterie mit der eigenen politischen Impotenz zu frönen. Ansätze dazu finden sich schon in Rochas erstem Exilfilm "Der Leone have sept Cabecas": eine zu oft, wie der fünfsprachige Titel, verquälte Apokalypse des Kolonialismus in Afrika, gedreht von dem Regisseur aus Lateinamerika, gespielt von Stars aus Europa. Aber gerade mit diesen Filmen müssen wir uns beschäftigen; der von Rocha kommt jetzt in die "Lupe"-Kinos.

Wolf Donner