"Phallos – Symbol und Kult in Europa", von Thorkil Vanggaard. Mit reichem historischen Material sucht der dänische Psychiater seine an die Freudsche Bisexualitätstheorie angelehnte These zu belegen, daß Homosexualität zur normalen Bandbreite männlichen Sexualverhaltens gehöre – kultiviert und gesellschaftlich sanktioniert etwa bei den alten Dorern, verdrängt durch mosaischchristliche Tradition (die sich im Kampf gegen Katharer und Hexenkulte schärfte) beim modernen Abendländer, worunter nach Vanggaard nicht nur das Verständnis für phallische Symbolik, sondern auch die Potenz litt. "Trauer über verlorene Verständigungs- und Glücksmöglichkeiten" läßt sich also mit dem Vorwortschreiber Mitscherlich aus dem Buch herausschmecken. Von Glück allein ist freilich nicht die Rede, sondern auch von Herrschaft, die sich mit phallischer Aggressivität behauptet; der Phallos-Kult, wie Vanggaard ihn schildert, gibt sich als das Produkt männlicher Machtphantasien zu erkennen. Diese mögen uralt sein; sie aber für eine Grundbedingung gesunden Lebens zu halten – so daß wir es als Kulturverlust beklagen müßten, daß Mannestugend nicht mehr rektal empfangen wird und die altnordische oder islamische Sitte der Demütigung durch erzwungenen Analkoitus abhanden kam –, scheint doch voreilig. Die Tatsache etwa, daß bei einigen Naturvölkern mit noch nicht vollentwickeltem Patriarchat sexuelle Freiheit für Kinder und Jugendliche mit geringschätzigem Unverständnis für Homosexualität einherging, könnte die Gedanken in eine ganz andere Richtung lenken, als der Autor sie einschlägt. Dieser ist freilich überzeugt, daß es ein menschliches Urbedürfnis nach festen Rang- und Herrschaftsordnungen gibt, und sieht in modernen Demokratisierungsbestrebungen die Quelle von Angstneurosen – womit sich abermals bestätigt, wie sehr auf diesem Felde das Gesellschaftsbild den Forscherblick lenkt. Vanggaard zieht vergessene Traditionen ans Licht, die im Unbewußten noch lebendig sind. Sie zur Kenntnis nehmen, muß nicht heißen, daß man sie für ewige Wahrheiten hält. (Paul List Verlag, München; 207 S., 25,– DM) Hans Krieger

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"Anarcho–Er kannte kein Gesetz", ein Politwestern von Friedemann Hahn. Mehr eine Streitschrift gegen als eine Auseinandersetzung mit dem Filmgenre Italo-Western, eine Textcollage aus Zitaten von Regisseuren, Schauspielern und Kritikern, aus realen und fiktiven, verzerrten Beschreibungen von Filmszenen und aus theoretischen Passagen. Hahn, Jahrgang 1944, geißelt den reaktionären Gehalt der Italo-Western, ihre "Brutalitäten, Sadismen, Schießspiele und Massentötungen". "Die politische Bedeutung eines Italo-Western liegt nicht in den – notwendigerweise augepfropften – politischen Gehalten, sondern im konsequenten Sichtbarmachen seiner Kommerzialität, seiner Infantilität und seiner Brutalität." "Diese einsamen Killer, diese wortkargen Gestalten, von der Regie aller Menschlichkeit entkleidet, sind reaktionäre, sadomasochistische Verklemmtlinge, unfähig zur Kommunikation, zum Leben in einer Gemeinschaft und zur Liebe." Das alles mag stimmen und übersieht doch eines: den Ketchup, die Künstlichkeit, die Ironie, die zirzensische Spiellust vieler Italo-Western, die hier so gefährlich erscheinen und vielleicht viel harmloser in ihrer Wirkung sind als amerikanische Western, die ihre politischen Ideologien nur besser kaschieren. (Verlag Klaus Bär; Berlin; 64 S., 6,– DM)

Wolf Donner

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"Ausgewählte Geschichten", von Agatha Christie. Es handelt sich um neun kurze und ganz kurze Krimis der erfolgreichsten Autorin der Welt (Gesamtauflage über 350 Millionen in 109 Sprachen). Kaum zu unterscheiden ist, welche davon neu und welche ganz alt sind – Agatha Christie und ihre Welt ändern sich nicht. Man ist immer wieder überrascht, wenn in den Geschichten ein Flugzeug, oder eine politische Tatsache der Nachkriegszeit auftaucht – so viktorianisch sind sie in der Stimmung. Im Gegensatz zu der gesetzlosen, grausamen Welt der hartgesottenen amerikanischen Krimis ist Agatha Christies Welt solid, vornehm und heil; man kann sich über die Verbrecher nicht empören, vielmehr erwecken sie Staunen und Mitleid, diese unglücklichen Geschöpfe, die sich freiwillig aus solch einer netten Gesellschaft ausschließen. Agatha Christie bietet weniger Action und mehr "ratiocination", sie läßt den Leser nicht nur mitmachen, sondern auch vieles erraten – und behält sich für das Ende doch eine Überraschung vor. So schenkt sie den Lesern eine trotz allem liebenswerte Welt, ein Rätsel, mit dem man sich auseinandersetzen kann, ein Gefühl der eigenen Klugheit und Geborgenheit – und die Leser zeigen sich dankbar. (Diogenes-Verlag, Zürich; 313 S., 14,80 DM, ab 1. 1. 1972 16,80 DM) Gabriel Laub