Deutschlands Baubosse verspüren kühlen Wind: "Eine merkliche konjunkturelle Abkühlung auf dem Baumarkt" registrierte der Bayerische Bauindustrieverband. Zwar sei im Juli die Arbeitsstundenzahl im Privatwirtschaftlichen Bau nur um zwei Prozent geringer gewesen als im Vorjahr. im öffentlichen Bau sei sie jedoch um über 13 Prozent zurückgegangen. Das Auftragspolster war gar um ein Viertel dünner als noch 1970. Wenn keine Besseruag eintrete, müßten im Herbst 35 Prozent der Arbeiter entlassen werden.

Jeder fünfte Arbeitsplatz im Tiefbau, so mahnte auch die Wirtschaftsvereinigung Bauindustrie in Nordrhein-Westfalen, sei in den kommenden Monaten bedroht. Befragungen unter den Tiefbaufirmen in NRW hatten ergeben, daß rund 9000 Beschäftigte vor die Tür gesetzt werden müßten.

Der Sprecher der Fachabteilung Straßenbau im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Peter Kemna, fühlt sich an schlechte Zeiten erinnern "Die Rezession von 1967 war eine kleine Flaute im Vergleich zu der jetzigen Seit August seien die Unternehmen im Straßenbau nicht mehr vollbeschäftigt Der Auftragsbestand reiche im Durchschnitt nur noch 2.3 Monate (1960 bis 1965 lag der Durchschnitt noch bei 3,5 Monaten).

Letzte Woche erhielt Bundeswirtschafts- und Finanzminister Schiller einen "schwarzen Brief" vom Baugewerbe. Der Bestand an Straßenbauaufträgen, so die mittelständischen Bauherren, betrage nur noch 2.2 Monate. Im Sommerquartal seien rund 10 000 Straßenarbeiter ausgeschieden. Nicht weniger als 4,7 Prozent der Betriebe seien völlig ohne Aufträge.

Während die Lage im Wohnungsbau mit einem Auftragsbestand von 3,7 Monaten noch optimistisch beurteilt wird (Bauindustrie-Präsident Hermann Brunner: "Inflationsangst"), hat Bonn dem Bauboom im Tiefbau ein abruptes Ende gesetzt. Im Rahmen des binnenwirtschaftlichen Stabilisierungsprogramms stoppte Minister Leber im Mai die Aufträge im Fernstraßenbau. Der 4,2-Milliarden-Mark-Etat des Verkehrsministers wurde auf rund drei Milliarden Mark gekürzt. Mit Einsparungen bei den Ländern und Gemeinden ist die deutsche Bauindustrie besonders betroffen, denn die Branche "lebt" zu über 60 Prozent von der öffentlichen Hand. Die Baubosse fühlen sich als "Prügelknabe der Konjunkturpolitik".

Schon im Rezessionsjahr 1967 wurde die Baubranche mit einem Auftragsstopp überrascht. Verkehrsminister Seebohm mußte seinen Etat um 0,5 Milliarden auf 3,75 Milliarden Mark zusammenstreichen, Im September 1967 registrierte die Bundesanstalt für Arbeit rund 30 500 Arbeitslose in den Bauberufen und etwa 50 000 offenen Stellen.

Dagegen nehmen sich die Vergleichszahlen für den September dieses Jahres noch undramatisch aus: Während knapp 5000 Bauarbeiter stellungslos waren, gab es noch nahezu 80 000 offene Stellen. Doch die Bauindustrie warnt: Trotz des zu befürchtenden Kapazitätsabbaues seien weitere Preissteigerungen nicht auszuschließen. Das habe schon das Rezessionsjahr 1967 gezeigt.

Unterstützung finden die Baubosse beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Um eine "Verschärfung der konjunkturellen Abschwächung" zu verhindern, fordern die Berliner: "Schnelle Vergabe von neuen Bauaufträgen."