Castro kommt bald, schneller, als ihr denkt", erklärte der chilenische Präsident Salvador Allende vor Studenten. Wann Fidel Castro den Anden-Staat besuchen will, verschwieg er allerdings – aus "Gründen der Sicherheit". In Santiago wird aber das Ankunftsdatum des bärtigen Kubaners auf der Straße gehandelt: am 3. November, dem Jahrestag der Regierung Allende.

Mit dieser Ankündigung hat Chile im Kupferkrieg mit den Vereinigten Staaten eindeutig Stellung bezogen. Als Santiago im Juli fünf Minen der drei amerikanischen Gesellschaften Anaconda, Cerro und Kennecott übernahm, war niemand überrascht. Mit Empörung reagierte Washington hingegen auf das Entschädigungsangebot, das in der vorigen Woche veröffentlicht wurde. Für zwei Minen, die Grube Exotica der Firma Anaconda und die Grube Andina der Cerro-Company, bietet Chile 28 Millionen Dollar an. Die drei anderen Minen Chuquicamata, El Salvador und El Teniente schulden dagegen dem chilenischen Staat noch 388 Millionen Dollar – getreu der Allende-Doktrin (so Prensa Latina), daß überhöhte Gewinne von der Entschädigung abzuziehen sind: rund 774 Millionen Dollar in den Jahren 1955 bis 1970.

Als blanker Hohn erscheint es den Vereinigten Staaten, daß Allende auf die Eintreibung dieser Schuld verzichten will und den betroffenen Firmen eine Frist von fünfzehn Tagen einräumt, beim Obersten Gericht Chiles Protest einzulegen. Aber das Arsenal der Gegenmaßnahmen ist klein. Die USA haben ihre Finanzhilfe an Chile bereits im August eingestellt, da keine Einigung in der Entschädigungsfrage zustande kam. Und bei den verbleibenden Möglichkeiten – Importembargo für chilenische Waren und Abbruch der diplomatischen Beziehungen – fürchten sie mit Recht das negative lateinamerikanische Echo.

So gab sich Washington zurückhaltend. Aber Präsident Allende ist offenbar dünnhäutig geworden und begegnete deshalb der vergleichsweise milden Kritik umgehend mit der Ankündigung des Castro-Besuches. Noch bedrohlicher muß den Vereinigten Staaten freilich das sowjetische Angebot erscheinen, Chile für 50 Millionen Dollar Waffen, elektrisches und elektronisches Material zu liefern. Moskaus Offerte steht seit längerer Zeit; Allendes Vorgänger Frei hatte sie ausgeschlagen, obwohl die Unruhe unter den Streitkräften auch der Unzufriedenheit über die mangelhafte Ausrüstung entsprang. Nicht zufällig wurde in der vergangenen Woche bekannt, daß die chilenische Regierung erwägt, die sowjetische Hilfe anzunehmen. Horst Bieber