Treysa/Hessen

Hephata – hebräisch für "Tue dich auf!" – nennt sich ein Heim für geistig behinderte Kinder im idyllischen Treysa, 55 Kilometer südlich von Kassel. Tue dich auf! bat die Anstaltsleitung vor genau einem Jahr, als das örtliche Hallenschwimmbad gebaut wurde. Zu besonderen Zeiten sollten die Kinder die drei Becken des mit 3,3 Millionen Mark eingerichteten "Europabads" benutzen dürfen. Das Bad tat sich in den ersten acht Monaten dieses Jahres zwar auf für 100 000 Besucher aus der Umgebung, doch den Kindern aus Hephata blieb es verschlossen. Erzieher des Heims, die mit je zwei Kindern an der Hand ins Wasser wollten, wurden vom Bademeister bereits am Eingang abgewiesen – "bis die Frage grundsätzlich geregelt ist".

Die Grundsatzentscheidung ließ auf sich warten. In schleppenden Verhandlungen konnten Anstaltsleitung und Chefarzt darlegen, welche Kinder sie unter ärztlichen und hygienischen Gesichtspunkten überhaupt nur ins Wasser lassen wollten, sie erläuterten auch den hohen therapeutischen Wert des Schwimmens gerade für ihre Kinder. Der Schwimmbadausschuß unter Federführung von Landrat Albert Pfuhl hörte zwar hin und versicherte sein positives Engagement, aber fühlte sich dann nicht in der Lage, positiv zu entscheiden. Ein Kind aus Hephata soll gleich nach der Eröffnung des "Europabads" beim Onanieren gesehen worden sein. Eine Lehrerin ermahnte ihre "normalen" Schulkinder, nicht ins Wasser zu pinkeln, "wie bei Hephata-Kindern geschehen".

Ermuntert durch solche vox populi entschied dann der Schwimmbadausschuß Anfang Oktober, die geistig behinderten Kinder grundsätzlich nicht zuzulassen. Begründet wurde dieser Beschluß nicht. Nur zwischen den Zeilen der Lokalpresse konnten die Erzieher lesen, daß der Ausschuß sich auf eine Musterbadeordnung für deutsche Hallenbäder berief, die allerdings jedermann, an dem Anstoß zu nehmen wäre, aus öffentlichen Bädern ausschließt.

Landrat Pfuhl beruft sich außerdem auf die geringe Kapazität des Bades, die es nicht ermögliche, neben der Schule, der Bundeswehr, den Versehrtensportlern auch noch den Kindern aus Hephata gesonderte Badezeiten einzuräumen. Im übrigen sind die Erzieher des Heims für ihn "Revoluzzer" und "Dollbohrer, die verrückt spielen". "Kanzelschwalben" nennt er die Einwohner von Treysa, die sich für die Zulassung der Kinder aussprechen. In einer noch nicht abgeschlossenen Stichprobenbefragung zeichnet sich nämlich ab, daß nur 20 Prozent der Befragten mit dem Schwimmbadausschuß der Meinung sind, daß die Kinder nicht ins Bad sollen.

Die Einwohner von Treysa haben in siebzig Jahren gelernt, mit den geistig behinderten Kindern nebeneinanderher zu leben. Jetzt stehen sie vor der Frage, ob sie mit ihnen zusammenleben wollen, notfalls auch in hautnahem Kontakt – via Badewasser, oder ob sie auf eine Haltung zurückfallen, die der Frankfurter Diakon Erwin Schöppner "passive Euthanasie" nennt.

Joachim Peters