Ich bin in der deutschen Schule in Washington. Wir leben in der politisch mächtigsten Stadt der Welt, politische Ereignisse unerhörten Ausmaßes nehmen hier ihren Anfang. Die Probleme eines Kontinents spielen sich vor unserer Tür ab, und trotzdem zeichnen sich fast alle meine Mitschüler durch ein erstaunliches Desinteresse an politischen Dingen aus. Sie leben mit ihren Eltern isoliert in fashionablen Vororten, sie geben sich cool, lassen sich die Haare wachsen, und, soweit biologisch möglich, einen Bart stehen. Sie fahren ihr eigenes Auto, denn schon mit sechzehn Jahren kann man in den USA seinen Führerschein machen. Die beliebtesten Gesprächsthemen sind Frisuren, Kleidung, Musikstars und ein bißchen Sex.

Kommt aber der deutsche Bundeskanzler nach Washington, so interessiert man sich lediglich dafür, ob man zu einem Empfang eingeladen wird.

Europa ist weit weg, die Probleme Amerikas sind nicht die ihren. Sie leben in einer schönen, schillernden Blase. Wenn die Vietnam-Veteranen vor dem Capitol demonstrieren, weiß man nichts davon.

Diskussionen im Rahmen des Unterrichts über politische, soziale oder ökonomische Probleme scheitern an mangelndem Interesse. Geschichtszahlen aus grauer Vorzeit werden bis zum "Gehtnicht-mehr" gepaukt. Wer aber kennt die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland? Gegenwartskunde steht bis zur 11. Klasse nicht auf dem Lehrplan.

Zwistigkeiten zwischen dem Direktor, den Eltern, Lehrern und Schülern prägen den Ton der Schule. Klassenbucheintragungen und andere autoritäre Drohungen: werden ihrer Häufigkeit wegen, nicht mehr ernstgenommen. Die Lehrer unterrichten im gewohnten Stil. Sie wollen sich schließlich keinen Ärger machen. Ihren Dreijahresvertrag möchten sie auf fünf Jahre verlängert sehen, denn es lebt sich gut in Washington, und die Gelegenheit; Amerika und Mexiko so billig kennenzulernen, ist einmalig.

Die wenigen Schüler, die ein echtes Interesse an ihrer Umwelt zeigen, die mit Leidenschaft die Welt, in der sie leben müssen, verbessern wollen, geben bald auf – oder sie gehen an andere Schulen. Uta Barbara Elz, 17 Jahre