Wenn sie nur etwas zu streichen haben, die Berliner... Schon die Frage, ob man Kudamm sagen dürfe, trennt die Etepeteten von den Saloppen. Indes stehen die beiden Türme der Gedächtniskirche, Schwechtens Ruinenzacken und Eiermanns Sachlichkeit, für die Bereitschaft zur dialektischen Duldung unaufgelöster Widersprüche. Toleranz als Städtebaumotiv. Unweit davon steht der neueste Stein des Anstoßes zur Diskussion.

Mit klotziger Fassade hat ein Warenhauskonzern eine der letzten Lücken geschlossen. Blaue, manchen brutal erscheinende Balkons und flott geschwungene rote Sonnensegel obenauf. Wie kann man nur! Ein Kaufhaus, das abends die Augen schließt. Welch ein Stilbruch. Ende des Boulevards, wo er beginnt. So klagen die einen.

Andere fragen, ob Berlin-W nicht allzeit’mehr von seinen Kontrasten gelebt habe als von eleganter Konformität. Vorn gegenüber dem Kranzlereck schließt einer der großen Bauunternehmer dank Berlin-Präferenz die Fassade mittels Büroetagen. Bulldozer haben auch die Zuhälter vertrieben.

Harmloseres Gewerbe steht in Gunst oder provoziert Abneigung. Law and order haben den orientalischen Bazar der Schmuckhändler vom Bürgersteig nicht vertrieben. Offiziell angebotene Seitenstraßen werden von dem illegalen Händlervölkchen nicht angenommen, weil sie die Kompromißbereitschaft spüren. Berlins Polizei, im Umgang mit dem Ungewöhnlichen nicht mehr ungeübt, verschneidet nur hie und da mit leichter Hand Auswüchse und wartet unter dem Grollen des ehrbaren Handwerks auf den Winter. Dieser wirft tatsächlich schon Schatten voraus, wo es Lichter sein sollten.

Der Innungsboß der Gastwirte, Heinz Zellermayer, wegen der Hotelbetten stets um Touristenattraktionen besorgt und als CDU-Abgeordneter überdies zu Opposition verpflichtet, ließ ein kritisches "O Tannenbaum" vernehmen. Denn er grünt nicht mehr zur Einkaufszeit. Die Stadt will die 70 000 Mark dafür streichen. Dabei hatten die Christbäume auf dem Mittelstreifen des Boulevards zum Advent bereits Tradition und auch Stil. Statt Firlefanz und Superglitzerdingern hochgewachsenes Tannengrün in der Sichtachse. Nicht nur Zellermayer meint, hier werde am falschen Ende gespart. Eine Finanzhilfe der Gastronomie schließt er prinzipiell aus. Allenfalls "aus Daffke" würden die Gastwirte ein paar Weihnachtsbäume selbst bezahlen.

Turmdrehkräne, Tunnelbau und Umleitungen am oberen Kurfürstendamm, Streit um Bazar, Baustil und Tannenbäume am unteren ... Selbst wenn im Wintersemester keine Wasserwerfer benötigt werden sollten – kontrovers bleibt er immer, der Kurfürstendamm. –thes