Von Michael Globig

Müssen Sachbücher unbedingt von Autoren mit berühmten Namen geschrieben werden? Sind sie nur dann gut zu verkaufen, wenn dem Verfasser ein wissenschaftlicher Ruf vorausgeht? Muß man tatsächlich – wie es vor einiger Zeit aus einem deutschen Verlagshaus verlautete – Forscherstars notfalls um die halbe Welt nachreisen, um sie zum Schreiben eines Buches verpflichten zu können? Tut es immer nur ein bekannter Wissenschaftler? Ist beispielsweise der Institutsdirektor a priori ein besserer Autor als seine Assitenten?

Buchverleger scheinen diese Fragen meist von vornherein mit Ja zu beantworten. Nicht das gelungene Werk wertet in ihren Augen den Autor auf, sondern der bekannte Verfassername das Buch. Diesen alten Brauch versucht der Heinz-Moos-Verlag in München mit seiner Neuerscheinung

"Physik – gestern, heute, morgen", herausgegeben von Edgar Lüscher; Moos-Verlag, München; 340 S.; 58,– DM

zu brechen. Zwar ziert auch hier noch ein bekannter Name die Titelseite – das Buch wurde von dem Münchner Physikprofessor Edgar Lüscher herausgegeben –, doch stammen die einzelnen Beiträge fast ausschließlich von jungen Physikern, meist ehemaligen oder gegenwärtigen Doktoranden von Professor Lüscher.

Verleger Moos – nach eigener Einschätzung "Buch-Ausdenker, Buch-Macher und (zwangsläufig auch) Buch-Verkäufer" – hat sich damit auf ein Neuland vorgewagt, das vielversprechend ist. Erfüllt das Buch die Erwartungen, die man an ein so junges und doch wohl kritisches Autorenteam stellt? Und genügt es den Ansprüchen, die es befriedigen möchte: "Eine Gesamtorientierung in der verwirrenden Vielfalt physikalischer Teilbereiche zu ermöglichen, mit neuen didaktischen Prinzipien und ohne Mathematik Einstiege in die Sachgebiete der Physik zu eröffnen, physikalischtechnische Phänomene in ihren Zusammenhängen darzustellen, zu einer interdisziplinären Verständigung zwischen interessierten Wissenschaftlern beizutragen"?

Nach der Lektüre fällt ein pauschales Urteil schwer: Einige der zwölf Kapitel sind ausgesprochen gelungen, andere dagegen wirken teilweise immer noch so konservativ wie gehabt. Zu den besonders guten Beispielen zählt das einführende Kapitel von Gerhard Fritsch, einem 31jährigen Physiker von der Technischen Universität München und gleichzeitig Redakteur der Zeitschrift "Physik in unserer Zeit". Fritsch setzt sich darin mit den Methoden des naturwissenschaftlichen Denkens auseinander und beschreibt den mühsamen Weg vom Bewußtwerden eines Problems (einem keineswegs trivialen Vorgang) über das Aufstellen von Arbeitsmodellen bis hin zum Experiment, dem Prüfstein solcher Modelle. Drei Formen des Experiments führt Fritsch als Beispiele an: das idealisierte Gedankenexperiment, das die Wirklichkeit simulierende Computerexperiment und schließlich als Vollendung das Realexperiment. Sehr anschaulich und mit Graphiken verdeutlicht wird dargestellt, wie Experiment und theoretisches Modell in einer ständigen Wechselbeziehung zueinander stehen, wie sie immer wieder gegenseitig angepaßt werden müssen.