ARD, Sonntag, 17. Oktober: "Die Moritat vom Räuberhauptmann Johann Georg Grasel", von H. C. Artmann und Friedrich Polakovics

An der Börse der Kulturindustrie wird eine Hausse an Räubergeschichten verzeichnet: Nach Bayerns Kneissl wurde nun Österreichs Grasel zum Gegenstand dichterischer Bemühung, der Hauffschen Moritat vom Leben und Sterben des bösen Schreiners Mathias folgte, gleichfalls Leben und Sterben behandelnd, das Singspiel der Herren Artmann und Polakovics über Johann Georg, den Wasenmeister und Mörder. (Wasenmeister, auch Abdecker oder Kaviller ist laut Brockhaus "eine Person, die sich gewerbsmäßig mit der Beseitigung und Verwertung von Tierkörpern befaßt".)

Arme Leut und hohe Obrigkeit, das Wolfsleben der outlaws und das parasitäre Treiben der hohen Herren in München und Wien (hier martialisch, dort eher gemütlich): die Parallelen drängen sich auf, aber es sind Entsprechungen, die sich allein aus der Sujet-Verwandtschaft ergeben. Was die Zubereitung angeht, die dem Stoff seine Tendenz gibt und die Räuber-Story entweder zur sozialkritischen Parabel oder zu einer folkloristischen Moritat werden läßt (einem Ruppiner Bilderbogen für Betrachter am Bildschirm), so unterscheiden sich Hauff und Artmann/Polakovics diametral: Spiegelt der eine mit Hilfe des exzentrischen Lebens eine Normalität, die anomal ist, und macht von unten her sichtbar, was oben in Unordnung ist, so beschwören die anderen eine wohlgegliederte kakanische Ordnung, in die der Schnapssäufer Grasel so gut hineinpaßt wie die Café schlürfenden Herren Räte bei Hofe: Im Grunde haben alle ein goldenes Herz, der depperte Grasel-Vater so gut wie die senilen Schranzen zu Wien oder jener Eichendorffs O Täler weit, o Höhen zitierende Justitiar, der dem Räuberhauptmann einen Konfidenten beigibt, blutenden Herzens natürlich.

Was sich bei Hauff grimmig, bösartig, wild und konsequent ausnimmt (abgehandelt auf einer Stilebene), wird bei Artmann/Polakovics, da die Sozial-Perspektive entfällt, zu einem erbaulichen Schwank, mit Witzchen, viel Musik und heiteren Aperçus über Arme und Reiche. (Und wie viel hätte sich gerade am Beispiel eines unehrlichen Gewerbes wie der Abdeckerei aufzeigen lassen: Die Begegnung zwischen Wasenmeister und Henker am Schluß als Rencontre zweier Männer, die gleich anrüchig sind!)

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen hieß die Devise; von Heuberger bis Godard, von Nestroy bis Wolfgang Bauer wurde genommen, was gerade paßte (oder auch nicht), der Bilderbogen war bunt, und die Melodien waren es auch. Ratefreunde kamen auf ihre Kosten, mal pochte das Schicksal an. Pforten, mal spielte man Heine und Jazz, dann wieder Haydn, bekannten Melodien wurden weniger bekannte Texte unterlegt, die Mainzer Hofsänger, so schien es, gastierten in Wien. Dazu gab’s eine Conference mit vielen Schmunzel-Effekten und Dialoge mit harmlosen Gags – Der Herrgott sorgt schon dafür, daß die Grasel nicht in den Himmel wachsen –, das Wiener Volkstheater präsentierte sich als Operetten-Museum. Keine Rede von Satire und schlagendem Witz, übrig blieb allein die Posse mit Gesang: Man hatte Nestroy die Zähne gezogen.

Mochte den Regisseur Otto Anton Eder gleich die Hauptschuld treffen an dem Debakel (ach, es war noch nicht einmal das): Ein Mann wie H. C. Artmann hätte für dieses kulinarische Histörchen seinen Namen nicht hergeben sollen.

Mickey Spillane gelesen, Goethe verworfen, gedichte geschrieben, scheiße gesagt, theater gespielt ... und das Resultat ist dann ein Backhendl-Schwank, der selbst Metternichs Zensurbehörde nicht aufgeregt hätte.