Wandern mit der Drahtschere

Für Mittelmeerurlauber, die in ihren Ferien sowohl einem Hobby nachgehen wie auch der Trimm-Dich-Welle frönen wollen, bietet sich jetzt eine neue Betätigungsmöglichkeit. "Per Drahtschere durch Spekulationsgrundstücke" heißt die Parole (hier und andernorts), und es macht mindestens ebensoviel Spaß wie eine Dschungeldurchquerung mit dem Buschmesser. Wo immer Drahtzäune herrliche Wiesen, Wälder, Küstenstraßen und Kletterpfade versperren – und deren sind nicht wenige, seit Bauern und Hoteliers Hand in Hand grundstücksspekulieren –, ist die Drahtschere anzusetzen. Dann laden wieder ehemalige Eselswege, auf denen noch vor wenigen Jahren die Väter unserer Gastarbeiter geritten sind, zum staub- und benzingestankfreien Wandern ein. Abends kann man im trauten Kreise der Drahtzaunknacker und Wandermüden mit der Stacheldraht-Meterlänge prahlen, die man tagsüber beiseite geschafft hat. Nicht länger bleibt das "Latein" Jägern und Fischern vorbehalten, auch für Wanderer ergeben sich ganz neue Perspektiven. Die Gefahr, daß findige Verkehrsdirektoren auf die Idee kommen, nunmehr Spazier- und Wanderwege anzulegen, besteht nicht, denn diese Idee hätte den Herren mindestens vor zehn Jahren kommen müssen. Dafür ist es jetzt zu spät. Grad früh genug aber ist es, um die Drahtschere zu schärfen, denn der Drahtzaunboom kommt erst noch: dann nämlich, wenn es auch dem letzten Hotel gelungen ist, die eigenen Grundstückskompetenzen vor feindlichen Einwanderern aus Nachbarhotels zu schützen: mit mehreren Metern Stacheldraht. F. L.

Circulus vitiosus

Ein gutes Stück aus der guten alten Zeit hat sich San Francisco wieder in die Stadt geholt. Am Anfang des Jahrhunderts gab es für den Pendelverkehr über die San Francisco Bay hinweg kleine, floßartige Holzfähren. Die Fahrgäste saßen auf verschnörkelten Bänkchen, genossen die vorbeiziehende Kulisse und eigens dafür eingekaufte Sandwiches mit Schinken und Tomaten. Der ständig wachsende Verkehr, die ungeheure Bevölkerungsexpansion und die zunehmende Technisierung verdrängten bald die schwimmenden Brücken. Ein großes, gewaltiges, eines der schönsten Bauwerke der Welt trat an ihre Stelle: die Golden Gate Bridge. Nun wurde auch sie von der Entwicklung überrollt. Der Verkehr auf ihr ist inzwischen so dicht, daß sich die Autos nur noch langsam hinüberschieben können. Da erinnerte man sich an die gute alte Zeit. Und so fahren sie jetzt wieder, die alten Holzfloß-Fähren, neu aufpoliert von der San Francisco Ferry Corporation, der sie schon damals gehörten. Die Fahrgäste haben ihre Autos zu Hause gelassen und sitzen wieder auf verschnörkelten Bänkchen, genießen die vorbeiziehende Kulisse und eigens dafür eingekaufte Sandwiches mit Schinken und Tomaten.

U. B.