In Bonn vergeht kaum ein Tag, an dem nicht immer wieder die enge Verquickung zwischen Beamtenhierarchie und Wirtschaft in der Form von vorder- oder hintergründiger Lobby offenbar wird. Bislang war in den meisten Fällen die Rüstungsindustrie betroffen, die an den von Verteidigungsminister Helmut Schmidt zu vergebenden Aufträge interessiert ist und sich zwecks besserer Kontakte zum Ministerium ausgediente Generale und Offiziere sei es als Berater, sei es als sogenannte "Klinkenputzer" engagierte.

In jüngster Zeit macht das Bundeswehrbeispiel jedoch auch in anderen Häusern Schule. Im Zusammenhang mit einem neuen Haushaltstitel des Verkehrsministeriums kommt einer im Frühjahr dieses Jahres gegründeten Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu. Damals wurde die Gesellschaft für bahntechnische Innovation mbH ins Leben gerufen, in der die Firmen AEG, Telefunken, BBC, Siemens, MBB, Strabag Bau und Fried. Krupp vertreten sind. In Bonn wird die Gesellschaft von einem Ein-Mann-Büro repräsentiert und zwar – das jedenfalls wurde im Bonner Wirtschaftsministerium besonders vermerkt – von einem Pensionär aus dem Ministerium von Wissenschaftsminister Hans Leussink, dem ehemaligen Ministerialdirigenten Dr.-Ing. Georg Straimer. Der Dirigent war Unterabteilungsleiter der Unterabteilung IV A, Technologie / Datenverarbeitung; und Straimer dirigierte unter anderem auch an der Vergabe von Entwicklungsgeldern für neue spurgebundene Verkehrstechniken mit. Wissenschaftsminister Hans Leussink besichtigte erst unlängst entsprechende Entwicklungen bei Krauss-Maffai in München.

Zweck der Gesellschaft, die Ex-Beamter Straimer in Bonn vertritt, ist der gemeinsame Bau einer Großversuchsanlage für Großverkehrssysteme. Im Haushaltsplan des Verkehrsministeriums wurde nun ein Titel geschaffen, der die Einrichtung einer Versuchsanlage für neue Verkehrstechniken finanzieren soll. Zwar dürfen 1972 noch keine Mittel ausgegeben werden, wohl aber Zahlungsverpflichtungen in Höhe von 100 Millionen Mark für die Jahre 1973 bis 1975 eingegangen werden. Verkehrsministerium und Wissenschaftsministerium werden die neuen Verkehrstechniken gemeinsam fördern, und angesichts der künftigen Staatsmittel für diese Zwecke haben sich die in der "Gesellschaft für bahntechnische Innovation" zusammengeschlossenen Firmen denn auch den besten Mann engagiert, den es gibt. Straimer ist im Bereich dieser Förderung versiert, er war auch an der Vergabe der Mittel für 1970 und 1971 beteiligt, die sich für die Entwicklung spurgebundener Schnellverkehrstechniken auf 22,4 Millionen Mark belief.

Im Zusammenhang mit den diversen Bildungs- und Wissenschaftsprogrammen des Bonner Bildungsministeriums prägte der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen, als Studiendirektor Bildungsexperte seiner Fraktion, einen neuen Beinamen für den Parlamentarischen Staatssekretär bei Wissenschaftsminister Leussink, Klaus von Dohnanyi. Man könne den Namen Dohnanyi phonetisch auch "Doch-na-nie" aussprechen. Damit sei dann die schwankende Haltung des Staatssekretärs in Sachen Bildungs- und Wissenschaftsreform treffend gekennzeichnet, zumal Dohnanyi in jüngster Zeit mehr und mehr von ursprünglich weitgehenden Reformplänen abging und Konzessionsbereitschaft erkennen ließ.

Personalpolitische Spekulationen im Verteidigungsministerium, der bisherige Leiter der Abteilung Unterbringung, Liegenschaften und Bauwesen, Ministerialdirektor Helmut Fingerhut, werde neuer Präsident des für die Waffenbeschaffung wichtigen Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), werden sich offensichtlich nicht bewahrheiten. Fingerhut würde sich in Koblenz kaum verbessern, die Besoldungsstufe ist die gleiche, die Ministerialzulage von Bonn gibt es aber in Koblenz nicht. Bei Helmut Schmidt spielen aber, so sagt man im Ministerium, materielle Überlegungen ebensowenig eine Rolle wie bei Fingerhut. Im Verteidigungsministerium gibt es intime Kenner des Hauses, die vermuten, Fingerhut, der Schmidt und seiner Partei nicht gerade fernsteht, werde im nächsten Jahr Leiter der Personalabteilung.

Der Abteilung steht derzeit noch Ministerialdirektor Konrad Stangl vor, der ein Bruder des katholischen Bischofs von Würzburg, Josef Stangl ist. Fingerhut hat überdies den Vorzug, Zivilist zu sein, Stangl dagegen ist ein Militär im Rang eines Generalleutnants. Aussichtsreichster Kandidat für das Koblenzer Präsidentenamt ist nach wie vor Generalmajor Dietrich Willikens, derzeitiger Vizepräsident des BWB.