Von Wolfram Siebeck

Das ungläubige Staunen über die kürzlich vom Bundespostminister Leber aufgestellte Behauptung, es mache sich in der Bevölkerung eine zunehmende Bejahung für den Wegfall der samstäglichen Briefzustellung bemerkbar, dieses Staunen ist zwar verständlich, jedoch unberechtigt. Es gibt tatsächlich jemand, der am liebsten auch am Freitag, am Donnerstag, Mittwoch, Dienstag, Montag – also möglichst nie – mit dem Briefträger zu tun haben möchte. Ich bin’s.

Meistens brauche ich eine halbe Stunde, um meine Post einzusammeln, die er mir durch das heruntergekurbelte Fenster seines postgelben Autos vor die Haustür schleudert. (Das ständig steigende Defizit seines Betriebs geht ihm zu Herzen.) Ich sortiere die Bankauszüge mir unbekannter Adressaten aus und die an meine Nachbarn gerichteten Ansichtskarten, die ich zu den anderen Irrläufern lege. Sonntags vormittags treffen sich die Dorfbewohner im Wirtshaus und tauschen die fehlgeleiteten Briefe.

Vor einigen Tagen kam der Briefträger zwei Stunden später, so gegen halb fünf, und an der Art, wie er bremste, sah ich, daß er schlechter Laune war. Ich war ihm auf der Straße entgegengegangen, weil es heftig regnete. Er gab mir die Post nicht durchs Fenster, sondern öffnete die rechte Wagentür ein wenig und stieß die Briefe mit dem Fuß hinaus. Das ist ein alter Trick von ihm, den er häufig anwendet, wenn ich an den Wagen komme, und so war ich darauf vorbereitet. Ich bückte mich blitzschnell und fing sie fast alle auf, bevor sie in die Gosse fielen. Er gab sofort Gas und fuhr mit durchdrehenden Rädern los, aber vergeblich: Meine Hände erwischte er nicht. Ich lachte triumphierend hinter ihm her und sah, wie er vor dem Rückspiegel die Faust schüttelte.

Er ist noch sehr jung und ein schlechter Verlierer, deshalb nahm ich mich am nächsten Tag besonders in acht. Ich blieb natürlich im Haus, aber er hupte dreimal, was das Zeichen dafür ist, daß es etwas zu quittieren oder zu zahlen gibt. Ich näherte mich ihm vorsichtig im toten Winkel, bis ich seitlich hinter seinem geöffneten Fenster stand. Vorsichtigerweise hatte ich einen eigenen Kugelschreiber eingesteckt; denn einmal hatte er mir einen zum Unterschreiben gegeben, der mir in der Hand explodierte. Aber es gab nichts zu unterschreiben. Er reichte mir drei Briefe und ein Päckchen durchs Fenster und sagte bloß: "Nachporto!" – "Wieviel?" fragte ich. "Steht doch drauf!" erwiderte er, ohne mich anzusehen.

Irgend etwas stimmte nicht. Deshalb trat ich zwei Schritte zurück, als ich das Fünfmarkstück aus der Tasche zog. Ich hielt es mit ausgestrecktem Arm ans Fenster und sagte: "Danke schön, stimmt so." Aber er versuchte weder, mich in den Finger zu beißen, noch schlug er mit dem Totschläger wie damals, als ich das Wechselgeld zurückhaben wollte. Erst im Haus merkte ich, daß er mich doch reingelegt hatte: Die Briefe waren zwar ungenügend frankiert, aber das kam daher, daß sie noch zwei Wochen vor der Gebührenerhöhung aufgegeben waren! Der Schlaukopf hatte sie vorsorglich zurückgehalten, um mir bei einer Gelegenheit wie dieser eins auswischen zu können.

Danach gab er einige Tage Ruhe. Trotzdem war ich nicht so leichtsinnig, tagsüber in der Umgebung spazieren zu gehen. Er macht häufig Picknick im Wäldchen oder hält hinter einem Busch ein Nickerchen. Wenn man ihn dabei stört, was ja unbeabsichtigt mal passieren kann, wird er fuchsteufelswild. Einmal hat er seine Kollegen geholt, die haben die Telephonkabel aus der Erde gerissen, so daß wir tagelang nicht angerufen werden konnten. Selber telephonieren können wir sowieso fast nie, beziehungsweise nur nachts. Tagsüber sind die wenigen Leitungen, die uns mit der Umwelt verbinden, ständig überlastet.