Wenn Breschnjew morgen in Moskau verkünden würde, daß in der UdSSR in Zukunft jedes Unternehmen die Preise fordern dürfe, die der Markt hergibt, würde dies als echte Sensation, als deutliche Abkehr vom System der Planwirtschaft, empfunden. Daß US-Präsident Nixon einen ähnlich scharfen Kurswechsel vollzogen hat, als er einen Lohn- und Preisstopp verfügte, ist bisher seltsamerweise kaum erkannt worden.

Als Nixon Mitte August völlig überraschend die Geldeinlösung des Dollar aufhob, einen Sonderzoll und andere protektionistische Maßnahmen verfügte, waren Europäer und Japaner vollauf damit beschäftigt, sich die Folgen dieser Politik für ihren Außenhandel auszumalen. Der gleichzeitig in Washington beschlossene Lohn- und Preisstopp wurde nur am Rande notiert.

Wer damals denken mochte, dies sei nur eine vorübergehende Maßnahme, ist nun eines Besseren belehrt. Nixon hat inzwischen angekündigt, daß Löhne, Preise, Mieten und Dividenden auf unbestimmte Zeit staatlich reglementiert werden sollen. Auch der ursprünglich fehlende Verwaltungsapparat – ohne den ein solcher Dirigismus undenkbar ist –, wird jetzt geschaffen.

Es wäre zu erwarten gewesen, daß eine so plötzliche Hinwendung zum Dirigismus in den USA mit einem Aufschrei der Empörung beantwortet wird. Vor zwei oder drei Jahren noch wäre das mit Sicherheit geschehen. Preis- und Lohnkontrollen hat es in den USA bisher nur in Kriegszeiten gegeben.

Im Lande des free enterprise galt die wirtschaftliche Freiheit bislang als eines der heiligsten Güter der Nation. Auch heute noch gibt es Millionen Amerikaner, die bereits die Einführung einer sozialen Kranken- oder Altersversicherung als ersten Schritt in den Kommunismus betrachten. In vielen Gemeinden wurde sogar die Organisation einer öffentlichen Müllabfuhr als Auswuchs des Kollektivismus bekämpft.

Daß Nixons Patentrezept gegen die Inflation von der Öffentlichkeit trotzdem mit Beifall aufgenommen wurde, läßt sich wohl nur mit der allgemeinen Ratlosigkeit im Kampf gegen Preissteigerungen und Arbeitslosigkeit erklären. Außerdem sind den meisten Amerikanern die sozialen und gesellschaftspolitischen Folgen eines Preis- und Lohnstopps wohl noch gar nicht bewußt geworden.

Die Inflation kann auf dem Verordnungswege selbstverständlich nicht besiegt, sondern nur kaschiert werden. Nixon wird es vielleicht gelingen, auf diese Art den Amerikanern eine heile Preiswelt vorzugaukeln – zumindest bis zur nächsten Wahl. Über kurz oder lang werden sie aber entdecken, daß diese Scheinstabilisierung auf dem Rücken der Arbeitnehmer stattfindet.