Von Hermann Bößenecker

Geräuschlos, wie es dem Stil des Hauses entspricht, vollzieht sich in Deutschlands zweitgrößtem Industriekonzern, der Siemens AG, München/Berlin (301 000 Beschäftigte, 14,5 Milliarden Mark Umsatz 1970/71), dieser Tage ein doppelter Führungswechsel: An die Stelle des 65jährigen Vorstands-Vorsitzenden Gerd Tacke tritt am Mittwoch kommender Woche dessen Stellvertreter Bernhard Plettner, 56.

Gleichzeitig wird der 68jährige Aufsichtsratsvorsitzende Ernst von Siemens seinen Stuhl zugunsten des acht Jahre jüngeren Peter von Siemens räumen.

Obwohl die rund 100 Nachkommen des Firmengründers Werner von Siemens und seiner; beiden Brüder nur noch gut 13 Prozent des Aktienkapitals von 1,17 Milliarden Mark in Händen halten und sich der Großteil auf rund 300 000 Aktionäre verteilt, ist Siemens bis heute eine "Publikumsgesellschaft mit traditionellem Familienakzent" geblieben. Die Familie, meint Peter von Siemens, ist nur ein "Mittel zum Zweck", um das organische Wachstum des Konzerns zu sichern und einer möglichen Überfremdung durch finanzkräftige Aufkäufer vorzubeugen. Als Mittel dieser Politik dienen jene 34,3 Millionen Mark Vorzugsaktien mit sechsfachem Stimmrecht, die – zusammen mit den Stammaktien der Familie – der Siemens-Dynastie in entscheidenden Fragen eine Sperrminorität garantieren.

Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, der traditionell der Gründerfamilie entstatammt, spielt bei Siemens zweifellos eine gewichtigere Rolle. als seine Amtskollegen in anderen deutschen Aktiengesellschaften. Als Vorsitzender des "Zentralausschusses", dem die Leiter aller Unternehmens- und Zentralbereiche angehören, ist er de facto erster Spitzenmanager, Seine Funktion ist – am ehesten mit der eines "chief executive officer" in einer amerikanischen Gesellschaft vergleichbar. Er wird über alle wichtigen Vorgänge des Unternehmens informiert.

Eine Anekdote, die man sich in Branchenkreisen’erzählt, steht dazu nur scheinbar in Widerspruch: Vorstands-Vorsitzender Gerd Tacke berichtete gelegentlich in einem vertrauten Kreis, AR-Boß Ernst von Siemens sei ihm einmal "ernstlich böse" gewesen, weil er vergessen habe, ihn rechtzeitig vom Kauf einer ausländischen Firma zu unterrichten. Nun sind zwar Firmenkäufe auch bei Siemens nicht gerade eine Routine-Angelegenheit, aber rund 80 Unternehmen gliederte sich der Elektrokonzern nach dem Kriege immerhin an.

Die Familie Siemens ist also in dem aus 20 inländischen und 100 ausländischen Gesellschaften bestehenden Konzern mehr ein Stabilisator als ein Motor der Geschäftspolitik. Sie ist auch nicht, wie in anderen Unternehmen mit erheblichem Familieneinfluß, ein Reservoir für Führungskräfte. Kaum eine Handvoll Namensträger sind im Konzern tätig. Zu ihnen gehören in der jüngeren Generation der 34jährige Sohn von Peter von Siemens, genannt der "kleine Peter", der Abteilungs-Bevollmächtigter in der Niederlassung Nürnberg ist und als Anwärter auf einen Bewährungsposten im Ausland gilt. Der 39jährige Ruprecht von Siemens, ein Sohn von Hermann von Siemens (bis 1956 "Chef des Hauses"), schlug die technisch-wissenschaftliche Laufbahn ein. Dazu kommen noch einige angeheiratete Verwandte, im ganzen aber nicht mehr als ein Dutzend. Im Vorstand sitzt von ihnen aber nur Personalchef Joachim von Oertzen.