Feste Regeln für die Auswahl von Nachwuchsmanagern aus dem Kreis der Familie gibt es nicht. Man hat andererseits auch nie davon gehört, daß es bei den Beratungen der Familie zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Kandidaten um einen führenden Posten gekommen wäre. Schließlich stehen, wie es ein Insider formuliert, "nicht beliebig viele Anwärter zur Verfügung". Da traditionsgemäß zwei Mitglieder der Familie dem Aufsichtsrat angehören, schält sich meistens bereits frühzeitig der Nachfolger heraus. So stand schon lange fest, daß Peter von Siemens einmal der neue "Chef" im Aufsichtsrat werden würde; wer jedoch künftig der "zweite Mann" der Familie sein wird, steht vorerst noch dahin.

Peter von Siemens, ein Mann mit langjähriger Auslandserfahrung und weltweiten Kontakten, wird, wie Beobachter annehmen, wesentlich stärker als sein Vorgänger nach außen wirken. In der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz wird

er in unmittelbarer Nachbarschaft des neuen Generaldirektors Bernhard Plettner residieren. Plettner war seit 1962 Chef der damaligen Siemens-Schuckert-Werke und wurde 1968 Stellvertreter Tackes in der Führung des Gesamtkonzerns.

Nach der "Verfassungsreform" im Hause Siemens, der Eingliederung der Siemens-Schuckert-Werke und der Siemens-Reiniger-Werke in die Siemens AG (die frühere Stammfirma Siemens & Halske AG) im Jahre 1966, wurde zunächst ein dreiköpfiges Präsidium an die Spitze berufen, dem Plettner von Anfang an angehörte. Sprecher des Triumvirats war zunächst der langjährige Finanzchef Dr. Adolf Lohse. Im Herbst 1967 wurde bei einer Umbildung der Führungsspitze des Konzerns Gerd Tacke neuer Primus; Bernhard Plettner avancierte wenig später als Tackes Stellvertreter.

Tacke selbst war mit seinen 61 Jahren allgemein als Interims-Chef betrachtet worden. Doch unter seiner Ägide raffte sich der Milliardenkonzern zu einer neuen Strategie auf. Wichtigstes Ereignis der letzten Jahre war die Vollendung der äußeren Verfassungsreform: Seit Oktober 1969 sind die Aktivitäten des Unternehmens in sechs weitgehend selbständige Bereiche organisiert: Energietechnik (Umsatz: 3,9 Milliarden Mark), Nachrichtentechnik (2,6 Milliarden Mark), Installationstechnik (1,8 Milliarden Mark), Datentechnik (1,4 Milliarden Mark), Medizinische Technik (900 Millionen Mark) und Bauelemente (600 Millionen Mark). Sie gliedern sich wieder in Geschäftsbereiche.

Diese horizontale Gliederung wird ergänzt durch fünf vertikale Klammern, genannt Zentralabteilungen, für Betriebswirtschaft, Finanzen, Personal, Technik und Vertrieb. Sie stellen, so der neue Boß Plettner, den "Querschnitt" dar, der das Unternehmen zusammenhält. Durch sie können grundlegende Erfahrungen von einem Unternehmensbereich auf den anderen übertragen werden. Sie nehmen die unerläßliche Kontrollfunktion wahr. Plettner betont jedoch: "Die Führungsposition kann nur bei den Unternehmensbereichen liegen. Sie bringen den Umsatz und den Ertrag, in ihnen spiegelt sich der Erfolg des Hauses." Und er fügt hinzu: "An meinem Tisch sitzen mehr Leiter der Unternehmensbereiche und derGeschäftsbereiche als der Zentralabteilungen."

Mit Tacke wurde zum erstenmal ein Kaufmann Vorsitzer des Vorstandes. Vor ihm waren die Generaldirektoren bei Siemens & Halske und Siemens-Schuckert von Haus aus Techniker, auch wenn nach außen schon seit Jahren zumeist Finanzchef Lohse das Unternehmen repräsentierte und natürlich auch nach innen eine Schlüsselstellung einnahm. Mit Plettner kommt wieder ein "gelernter" Techniker an die Spitze – doch es wäre falsch, ihn heute allein als Techniker zu sehen. Die betriebswirtschaftliche Komponente, das Ertragsdenken, ist bei ihm stark ausgeprägt. Seit Jahren hat er die Geschicke des Unternehmens auf der Kommandobrücke wesentlich mitbestimmt (Tacke: "Wir haben uns den Vorstandsvorsitz geteilt"). Seine engsten Berater aus den Zentralbereichen dürften dennoch neben dem Vertriebschef Dr. Paul Franz Dax, 58, der Finanzchef Dr. Heribald Närger, 47, und der oberste Betriebswirt ("Controller") Dr. Max Günther, 46, sein.