Plettner plädiert ohne Einschränkung für ein betont kollegiales Führungssystem. Von Bildschirmen und elektronischen Druckknöpfen auf dem Schreibtisch hält er zumindest vorerst nicht allzu viel, dafür um so mehr vom intensiven Kontakt mit den Kollegen. "Über ganze Berge von Fragen sind wir dauernd im Gespräch. Die Unternehmensbereiche laden mich unentwegt ein." Vorstandssitzungen mit den Münchner und den Erlanger Kollegen finden jeweils alle zwei Wochen statt. Von Montag bis Donnerstag amtiert Plettner normalerweise in München am Wittelsbacherplatz, am Freitag fährt er nach Erlangen, wo die Unternehmensbereiche Energietechnik, Installationstechnik und Medizinische Technik domizilieren und wo er selbst seit zehn Jahren ein Haus hat, in dem er am liebsten das Wochenende verbringt.

Bereits heute kann sich Plettner ausrechnen, daß bis zu seiner Pensionierung voraussichtlich 1980, Siemens auf einen Weltumsatz von wahrscheinlich mehr als 30 Milliarden Mark kommen wird. Nicht berücksichtigt sind dabei die bis dahin sicherlich drei bis vier Milliarden Mark anteiligen Umsätzen aus "Halbtöchtern" (Kraftwerk Union und Trafo Union zusammen mit AEG-Telefunken, Schallplattengeschäft in Kooperation mit Philips) und anderen wesentlichen Beteiligungen (wie Bergman und Osram). Seit 1968 ist Siemens in der Weltrangliste der nichtamerikanischen Unternehmen ohne Fusion, aus eigener Kraft von der 14. auf die neunte Stelle vorgerückt. Bezieht man die US-Konzerne ein, so konnte Siemens 1970 vom 40. auf den 29. Platz springen.

In der Weltliga der Elektrounternehmen behauptet der deutsche Spitzenreiter den zehnten Platz. Flettners Devise ist, daß ein Elektrokonzern mit so breitem Spektrum sich ständig den Wandlungen des Marktes anpassen und neue Chancen aufspüren muß. Wie lange würde es dauern, bis über ein lockendes Angebot, ein anderes Unternehmen aufzukaufen, die Entscheidung herbeigeführt werden könnte? "Wenn es wirklich eine interessante Offerte und keine faule Ente ist, in drei bis vier Stunden. Aber die "Enten" überwiegen bisher. "Wir erheben nicht den Anspruch, im alten Sinne eine Universalfirma zu sein, aber wir machen uns viel Gedanken über die Zukunft. Wachstumsfetischisten sind wir alle nicht."

Risiken müssen kalkulierbar sein. Deshalb das Scheitern der Gespräche über eine Großrechner-Union gemeinsam mit AEG-Telefunken. An eine spätere Fusion zwischen Siemens und AEG (Umsatz zuletzt 8,54 Milliarden Mark) will der neue Firmenkapitän nicht glauben. Ganz abgesehen von einer hemmenden Fusionskontrolle: "Eine Zusammenführung hätte nur Sinn, wenn daraus etwas Besseres erwüchse. Die bloße Addition hat keinen Sinn – zweimal eins müßte schon 2,3 ergeben statt 2 – ich befürchte, wie erhielten nur 1,8." Siemens arbeitet mit AEG-Telefunken bisher nur auf den Gebieten zusammen, auf denen der Markt für zwei so potente Elektrounternehmen zu klein ist, vor allem in einzelnen Bereichen der Energietechnik. Bei Schall platten wählte man Philips und im Hausgerätegeschäft Bosch zum Kooperationspartner. Diese Auffächerung der Partnerschaftsbedürfnisse hat sich als vorteilhaft erwiesen – auch wenn bei Hausgeräten noch keine dauerhafte Konsolidierung in Sicht ist.

Plettner gehört bereits 31 Jahre dem Haus Siemens an, bei dem er mit 25 Jahren als projektierender Ingenieur anfing, Tacke hatte dort vor 39 Jahren mit 26 zunächst als kleiner Lagerarbeiter in Berlin den Start gewagt. Auch die meisten übrigen Vorstandsmitglieder sind "Veteranen". Nur Finanzchef Heribald Närger, ein Schwiegersohn Lohses, kam erst als 40jähriger und war vorher schon stellvertretender Vorstand bei der Bayerischen Vereinsbank.

Es ist nur natürlich, daß ein Riesenunternehmen wie Siemens das reiche Führungskräfte-Reservoir des eigenen Hauses ausschöpft, ehe es nach "Außenseitern" Ausschau hält. Blitzkarrieren sind bei diesem ausgefeilten System, das bei Beförderungen allerdings oft das Prinzip der "Gerechtigkeit" überstrapaziert, zwar selten, dafür hat man aber auch meist den richtigen Mann zur Hand. Grundsatz eins der weitschauenden Personalpolitik: Alle sollen die Möglichkeit haben, bis zur obersten Spitze aufzusteigen, wenn sie qualifiziert sind. Ernst von Siemens fragt bei Rundgängen gern: "Wer ist Ihr Nachfolger?" Einen Vorstandsvorsitzer von außen, wie etwa das Volkswagenwerk, brauchte sich Siemens bisher nicht zu holen. Peter von Siemens: "Wir würden keinen Moment zögern, wenn dies einmal erforderlich sein sollte."