Von Rolf Zundel

München, im Oktober

Für die CDU mag Rainer Barzel die Nummer eins sein, für die CSU gibt es nur einen großen Mann in Deutschland: Franz Josef Strauß.

Barzel, der sich auf der 25-Jahr-Feier der CSU in München als neugewählter Vorsitzender der CDU vorstellte, präsentierte sich in guter Form. In scharf gezielter Polemik griff er die Bundesregierung an, weil sie eine "Rentenaufbesserung herzlos abgelehnt" habe und mit ihrer "hektischen und geschichtslosen Ostpolitik das europäische Gleichgewicht" zerstöre. Er pries Nixon als Vorbild: "Der fährt nicht nur nach Moskau, der verhandelt nicht nur, der gibt nichts für umsonst." Barzel trat als alter Freund der CSU auf: "Deutschland braucht Bayern", als Bewunderer des Wirtschaftspolitikers Strauß: "Ich weiß, daß er das besser kann", und als Mann unerschütterlicher Grundsätze: Er werde, wenn er Gefahren sehe, nicht schweigen; "denn mitschuldig werden durch Feigheit gehört nicht zu meiner politischen Statur". Und er erwies sich auch als geschickter Taktiker: nicht die Union suche die Konfrontation, "wir weichen ihr nur nicht aus".

Barzel gab alles, was von einem CDU-Politiker in München erwartet wird, und die CSU applaudierte ihm so herzlich, wie es ihrer Stimmung entsprach, die ein Delegierter so formulierte: "Wenn Strauß nicht Kanzlerkandidat werden kann, ist Barzel weitaus die beste der weniger guten Lösungen." Strauß dagegen versäumte in München viel, was Politiker sonst als ihre Pflicht oder als notwendige Höflichkeit betrachten, und wurde als Volksheld gefeiert.

Den Gast aus Bonn handelte Strauß in einem unerheblichen Nebensatz ab, die Beratungen seines eigenen Parteitages würdigte er mit konsequentem Desinteresse. Seine Rede, angelegt als 49seitiger Riesenschöpfungsüberblick, kürzte er, während er sprach, um ein gutes Drittel; er improvisierte mit funkelnder sprachlicher Gestaltungskraft. Er ließ die Verdienstmedaille, die auf der einen Seite das bayerische Wappen, auf der anderen Seite seinen Kopf zeigt, nachdem er sie alten Parteimitgliedern ausgehändigt hatte, sich selber überreichen, und nahm Ovation und Laudatio, die im besten Stile des Personenkults gehalten waren, gerührt entgegen. Für Strauß, das wetterleuchtende politische Originalgenie, existieren die üblichen Regeln nicht.

Das Jubiläum der CSU wurde zum Strauß-Festival. Was sonst noch geschah, war, abgesehen von Barzels Auftritt – Nebensache: Einige Reden, die mit mäßiger Aufmerksamkeit angehört wurden, eine Diskussion, die den Namen kaum verdient. Zur einzigen Kampfabstimmung kam es bei einem Antrag der Jungen Union, in dem gefordert wurde, "daß die an die Redaktionen der Schülerzeitungen gerichtete Post ungeöffnet an diese weiterzugeben ist". Er wurde mit Mehrheit abgelehnt – getreu der Devise, die Richard Jäger auf diesem Parteitag ausgegeben hatte: Bayern müsse angesichts der sozialistischen Gefahr "eine Zitadelle des Rechts und der freiheitlichen Demokratie" sein.