Der Orchestermusiker, sagt Karlheinz Stockhausen, sei nicht mehr auf dem laufenden, habe die Mentalität eines Fabrikarbeiters, der nur noch nach der Uhr arbeitet, sei psychisch auf seine Aufgaben nicht mehr vorbereitet und als Künstler frustriert. In anderen Berufen habe eine solche Verfassung unweigerlich die Disqualifikation zur Folge; der städtische Musiker jedoch sei – nicht zuletzt auf Grund der Tarifpolitik der Gewerkschaften – in jenem Stadium für gewöhnlich bereits unkündbar.

Solche provokanten Sätze zu Beginn einer Podiumsdiskussion über das "Sinfonieorchester in verwandelter Welt" hätten eigentlich gleich zu einem ostentativen Abbruch des Gesprächs, andernfalls aber wenigstens zu einem hochinteressanten "Schlagabtausch" führen müssen. In Donaueschingen aber, wo die Eingeweihten unter sich sind, behält man Contenance, lassen sich Musiker allenfalls bestätigen, daß sie, daß ihr Orchester doch bei den Proben sehr eifrig gewesen seien, und der Gewerkschaftsvertreter lobt noch einmal die für die Musiker errungenen Vorteile.

Der Orchestermusiker, sagt Karlheinz Stockhausen, kenne nur, was er ständig neu und springend erarbeite, es gebe keine Kontinuität, keinen systematischen Aufbau der technischen Fähigkeiten. Schuld an diesem Dilemma, sagt Stockhausen, trage die Tatsache, daß für einen Musiker nicht die Möglichkeit, geschweige denn die Verpflichtung bestehe, laufend an Fortbildungskursen teilzunehmen – eine Forderung, die in der freien Wirtschaft zu den Bedingungen einer gehobenen Position gehöre.

Darum, sagt Karlheinz Stockhausen, propagiere er eine grundsätzliche Verpflichtung für den Spitzenmusiker, jährlich zwei Monate an einem Fortbildungskurs teilzunehmen, bei dem 1. zu lernen ist, wie mechanisch-elektronische Instrumente (mit Kontaktmikrophon, Filter, Potentiometer) zur Erzeugung neuartiger Töne gehandhabt werden; 2. Experten neue Spieltechniken demonstrieren; 3. Interpreten und Komponisten neue Partituren analysierend vermitteln; 4. kleinere Ensembles neue Werke erarbeiten; 5. Aufnahmen archiviert und verglichen werden.

Widerspruch? Zustimmung? Das Vorstandsmitglied eines Rundfunk-Sinfonie-Orchesters artikuliert im Publikum halblaut seinen Einwand: "Dafür haben wir doch gar keine Zeit." Eben.

Wenn es eines Nachweises bedurft hätte, daß ein in die Routine verstrickter Musiker nicht in der Lage ist, seine Situation einmal selbstkritisch zu reflektieren, dann hat diese Diskussion in Donaueschingen – die im übrigen so ergebnislos zu Ende ging wie jedes andere Podiumsgespräch – dieses Zeugnis geliefert. Das jahrelange Hin und Her über die Auflösung und Abschaffung von Orchestern hat die Musiker so auf die Bewahrung ihrer Existenzgrundlagen fixiert, daß selbst jedes in gänzlich andere Richtungen gesprochene Argument zu einer Kulturdemontage und Daseinsgefährdung umgemünzt wird.

Daß dabei über Stockhausens eigentlichen Vorwurf, der Orchestermusiker sei – nicht zuletzt durch die Komponisten, die Partituren für vierzehn und mehr die gleiche Stimme spielende Streicher schrieben – zu einem kleinen Rädchen in einem massiven und unübersichtlichen Apparat geworden, seiner Rolle weder technisch noch künstlerisch bewußt und seiner Individualität völlig beraubt, kein Gespräch aufkommen konnte, ist nicht weiter verwunderlich.