Jedesmal, wenn in den abendlichen Nachrichtensendungen Giscard d’Estaing, der französische Wirtschafts- und Finanzminister, im Fernsehen auftaucht, denke ich an Deutschland in der Nacht und an den Wirtschafts- und Finanzminister Schiller. Es sind auf ähnlichem Posten zwei sehr unterschiedliche Naturen. Der Unterschied liegt unter anderem darin, daß auf Karl Schiller das Wort Clemenceaus anwendbar erscheint: "Ein Intellektueller ist ein Mensch, der alles weiß und sonst gar nichts." Von Giscard kann man dies nicht sagen.

Er weiß zwar alles, aber noch etwas mehr. Er weiß zum Beispiel, wozu eine Ziehharmonika gut ist. Dies ist unlängst auf dem Kongreß seiner Partei allen Zuschauern des Fernsehens klar geworden und hat, soweit ich es verfolgen konnte, einen glänzenden Eindruck gemacht.

Ohnehin trifft man französische Minister und Politiker seit einiger Zeit im Fernsehen häufig bei Beschäftigungen an, die man nicht erwartet hätte. So ließ der Erziehungsminister Guichard seinen Oberkörper in eine bunte Sendung des allerdings vortrefflichen Chanson-Sängers Bécaud einblenden, damit er die Frage stellen konnte, was der Künstler von der heutigen Jugend hielte. "Das Beste, das Allerbeste". Kaum hatte der Sänger in diesem Sinne geantwortet, war des Ministers Büste schon wieder verschwunden.

Ähnliche Überraschungen ergaben sich, als inmitten einer lustigen Darbietung von Chansons und Hüftenschwingen Gaston Defferre, der Bürgermeister von Marseille, ein Gedicht vortrug. Man schaltete nach Marseille, und da saß er und las. Er machte es nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich gut. Vielleicht lag der Pfiff darin, daß er, der Anführer der gemäßigten Sozialisten, ein Poem von Eluard, wenn ich’s recht verstanden habe, aufsagte, der bekanntlich ein äußerst linksstehender Dichter war. In derselben Sendung verblüffte auch ein Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Couve de Murville. Er wirkte gar nicht säuerlich, sondern heiter und gelöst. Auf die Frage, ob er sich überhaupt Sendungen des Fernsehens anschaue, erwiderte er, ja, das käme vor. Und ob ihm das Programm im großen und ganzen gefalle? Also eigentlich ... nein, das könne er nicht sagen ... es träfe sich wohl dann und wann, daß er etwas gut fände, aber im allgemeinen ... Und dann lächelte er verzeihend, der berühmte Mann. An diesem Abend lächelte er mir aus der Seele.

Ich denke, daß man auch wieder davon abkommen wird, Politiker als Knalleffekte außerhalb der Politik zu verwenden. Ich kenne jedenfalls niemanden, der Gaston Defferre deshalb wählen würde, weil er ganz passabel ein Gedicht vorlesen kann. Anders war es mit Giscard d’Estaings Quetschkommodenspiel von Toulouse.

Es war also der Parteitag der "Unabhängigen Republikaner", der Liberalen, die das Wort "Europa" auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und so sagte denn auch Jean de Broglie, der Vorsitzende der Außenpolitischen Kommission des französischen Parlaments: "Machen wir uns doch keine Illusionen! Die Europäische Gemeinschaft ist augenblicklich nicht viel mehr als eine Ruine, die nur provisorisch bewohnbar ist und wo jeden Morgen einer ein paar Steine holt, um sich ein anderes Haus zu bauen. Die finanzielle Union ist die einzige Chance zum Überleben."

Es lag ja nahe, bei diesem Satz an Schiller zu denken, den man fast jeden Morgen mit ein paar Steinen davonlaufen sieht, die er hoffentlich rechtzeitig zurückbringt. Sonst müssen wir ihm seine seltsame Bemerkung glauben, er sei Europäer von der gaullistischen Art. Wo doch einer der Beiträge de Gaulles auf diesem Gebiet darin bestand, daß er fleißig die Entwicklung hemmte, als die Deutschen noch Feuer und Flamme für Europa waren. Sein Nachfolger hat sich dafür von einem Saulus in einen Paulus verwandelt, und es heißt, daß an dieser Wandlung Pompidous sein Minister Giscard nicht unschuldig ist. Ach, wenn Kanzler Brandt auf seinen Superminister doch die gleiche Wirkung ausstrahlen könnte!