In Cincinnati (US-Staat Ohio) wird auf subtile Art der Atomkrieg geprobt. Dirigiert wird das makabre Planspiel von Ärzten. Akteure sind sterbenskranke Patienten im Allgemeinen Krankenhaus der Industriestadt im Mittelwesten. Auftraggeber ist das Pentagon.

Seit elf Jahren werden in dem Hospital unheilbar krebskranke Menschen radioaktiver Ganz- oder Teilkörperbestrahlung ausgesetzt mit einer Dosis, wie sie ein Soldat in einem Gefecht mit Atomwaffen erhalten kann. Ziel dieser "Behandlung" ist es, so der Pentagon-Auftrag, "den Einfluß harter Strahlung auf die Kampfbereitschaft der Truppe besser zu verstehen". Man möchte ermitteln, in welchem Ausmaß sich als Folge des radioaktiven Bombardements Übelkeit und Erbrechen einstellen.

Die an dem Forschungsprojekt beteiligten Ärzte behaupten freilich, die wahre Bedeutung der Experimente läge in der Hoffnung, den Todgeweihten mit der Strahlentherapie das Leben ein wenig zu verlängern. Doch meinen die Fachkollegen der Radiologen aus Cincinnati, solche Behandlung habe nur bei zwei bestimmten Krebsformen einen allenfalls bedingten therapeutischen Wert. In allen anderen Krebsfällen jedoch bereite sie nichts als unnötige Pein.

Gerade diese qualvolle Begleiterscheinung hatte man den 111 ohnehin leidgeprüften Menschen, die seit Beginn der Versuchsreihe im Jahre 1960 diese fragwürdige Behandlung freiwillig über sich ergehen ließen, verschwiegen. Ansonsten waren die Probanden über den experimentellen Charakter der Therapie unterrichtet worden.

Soweit der von der Washington Post kürzlich aufgedeckte Sachverhalt. Die Entrüstung darüber ist groß. Menschenversuche aber sind unumgänglich, will man nicht auf jeglichen Fortschritt in der Medizin verzichten. Die Wirkung neuer Arzneimittel oder neuer Operationsmethoden läßt sich nur unvollkommen in Tierversuchen studieren, sie muß letztlich am Menschen erprobt werden.

Die Frage also ist, wie solche Humanexperimente überwacht werden können, um das damit verbundene Risiko für die Versuchspersonen so gering wie möglich zu halten. Der Fall Cincinnati lehrt, daß die in den USA etablierten Vorkehrungen keineswegs ausreichen. Wieviel unzureichender muß die Regelung in unserem Lande sein. Denn im Gegensatz zu den USA verlangt kein Gesetz der Bundesrepublik, daß etwa die klinische Erpobung eines Arzneimittels vor Beginn mit allen Unterlagen einer staatlichen Überwachungsbehörde anzuzeigen ist, die notfalls dagegen einschreiten kann, daß Patienten nur Versuchspersonen sein dürfen, wenn sie dazu ein informed consent, eine Einwilligung nach ausreichender Belehrung über das Experiment, abgegeben haben. Und die an den meisten US-Kliniken existierenden peer committees, aus Kollegen zusammengesetzte Zulassungsgremien für angestrebte Versuche an Patienten, haben in Deutschland noch kein Gegenstück.

Weil diese Schutzinstanzen hierzulande gänzlich fehlen, ist es unmöglich, auch nur annähernd abzuschätzen, wie häufig Kranke in unseren Kliniken, statt die erwartete Heilung erhalten zu haben, Opfer von medizinischen Experimenten geworden sind. Daß wir jedenfalls kein Recht haben, uns über die Vorgänge in Cincinnati zu erheben, wurde unlängst peinlich offenbar: Wir erfuhren (ZEIT Nr. 16/71), daß das Schlankheitsmittel Menocil an mehreren deutschen Kliniken Patienten verabreicht wurde, nachdem, ja, gerade weil bekannt geworden war, daß es eine gräßliche, zum Siechtum führende Krankheit hervorrufen kann. Thomas v. Randow