Westliche Ostexperten analysieren die sowjetische Politik

Von Andreas Kohlschütter

Moskaus gegenwärtige Westpolitik kennzeichnet nicht nur diplomatischer und propagandistischer Schwung, sondern vor allem auch eine neue Qualität. Die Unterzeichnung des Berlin-Abkommens und das Eingehen auf das jahrelang umgangene Thema der Truppenreduzierung lassen neue Substanz erkennen. Die selbst von Nixons angekündigter Pekingreise nicht beeinträchtigte sowjetische Bereitschaft, den Entspannungsdialog mit Westeuropa und den USA zusammen weiterzuführen und dabei die im Westen bestehenden Bindungen und Verankerungen anzuerkennen, zeigt neuen Realismus. Die sowjetische Suche nach der Technologie und Wirtschaftspartnerschaft des Westens verrät eine neue Dringlichkeit.

Wie glaubwürdig ist diese Hinwendung der Kremlführung zum entspannenden Wandel in Europa? Wie hoch kann sie veranschlagt, wie langfristig kann auf sie gesetzt werden?

Begrenzter Stalinismus

Diese beunruhigende Ungewißheit über die Motive und Hintergründe der neuen Kremlpolitik läßt sich nicht beseitigen. Sie kann aber durch scharfsinnige Analysen sowjetischer Entwicklungstendenzen wesentlich entschärft und versachlicht werden. Auf der Bonner Tagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde ist das letzte Woche geschehen. Wolfgang Leonhard gab Auskunft über die sowjetische Innenpolitik, Richard Löwenthal über die sowjetische Außenpolitik.

Leonhard rekonstruierte den Weg, den das Moskauer Regime seit Oktober 1964 vom aufgelockerten und experimentierfreudigen Chruschtschowismus zum innenpolitisch verhärteten und reformfeindlichen Breschnjewismus zurückgelegt hat. Schon im April 1965, ein halbes Jahr nach Chruschtschows Sturz, kam es zu dem für die Breschnjew-Ära richtungweisenden Entstalinisierungsstopp: In verschiedenen Generalsmemoiren aus dem Zweiten Weltkrieg wurde Stalins Name erstmals wieder positiv erwähnt und seine Rolle als bedeutender Kriegführer hervorgehoben.