Jenseits von Nixons Reiseplänen: ein neues Kräfteverhältnis

Von Theo Sommer

In früheren Zeiten vollzogen sich grundlegende Veränderungen auf der weltpolitischen Bühne mit der donnernden Plötzlichkeit von Naturkatastrophen. Gewaltigen geologischen Verwerfungen gleich stülpten Kriege und Schlachten die Landschaft um, zertrümmerten sie alte Ordnungen und schufen neue aus dem Chaos, bestimmten sie oben und unten nach dem Rang, den das Schwert den Staaten zuwies. Demgegenüber scheint es ein Merkmal unserer Epoche zu sein, daß nicht minder umstürzender Wandel sich in leiser Allmählichkeit anbahnt. Wie bei einer Klimaveränderung entsteht eine neue Welt, ohne daß der Untergang der alten den Zeitgenossen so recht ins Bewußtsein dringt.

Das Zeitalter der Bipolarität, geprägt von Amerikanern und Russen und ihrem Gegensatz, hat ein ganzes Menschenalter angedauert. Jetzt ist es unversehens zu Ende gegangen. Darüber herrscht kein Streit mehr. Umstritten ist lediglich, was an die Stelle der Doppelhegemonie Washington-Moskau treten wird.

Eine tripolare Welt – mit Peking als Drittem im Skat der Großmächte? Ihre Umrisse zeichnen sich schon lange ab. Die Schüsse am Ussuri im März 1969, spätestens jedoch Henry Kissingers Visiten in Peking haben deutlich gemacht, daß der Kreis der Spieler erweitert worden ist. Damit wächst die Zahl der möglichen Konfrontationen wie der möglichen Kombinationen.

Dennoch erscheint es fraglich, ob der Ära der Tripolarität mehr als vorübergehende Dauer beschieden sein kann. Denn hinter der Dreiecks-Schablone der gegenwärtigen Phase werden heute schon weiter gespannte Muster der Weltpolitik sichtbar. Japan, lange bloß eine Wirtschaftsorganisation ohne Machtanspruch, entwickelt sich zum Vierten im Bunde der Großen. Westeuropa, dem inneren Antrieb folgend wie äußeren Zwängen, ist ebenfalls auf dem Weg zum politischen und nicht nur wirtschaftlichen Großmachtstatus. Die Welt von 1980 – vielleicht schon die von 1975 – wird fünfpolig sein, nicht dreipolig.

Das bedeutet eine Rückkehr zum beherrschenden Mächtemuster des neunzehnten Jahrhunderts: der Pentarchie. Damals bestand sie aus den drei konservativen Ostmächten Rußland, Preußen, Österreich-Ungarn und den beiden liberalen Weststaaten Großbritannien und Frankreich. Freilich wird das neue Fünfeck die europäischen Dimensionen sprengen und sich in weltweitem Maßstab einrichten. Darin wird sie der kurzlebigen Fünfer-Herrschaft ähneln, die 1945 Washington, Moskau, London, Paris und Peking im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zusammenführte; aber sie wird diesmal mehr und andere machtpolitische Substanz haben.