Wenn Vogel pfeift...

Von Kilian Gassner

München

Er kämpft mit offenem Visier. Wer es noch immer nicht wußte, dem sagte er es mikrophonverstärkt vom Rednerpult aus: Man könne ihm vorwerfen, daß er rechthaberisch sei und auch leicht in Zorn gerate, niemals aber habe er es am notwendigen Engagement für die Partei fehlen lassen. Den Verdacht, er wolle sich der Partei für seine Karriere maßschneidern, pariert er mit dem Hinweis, daß es völlig normal sei, vorher zu fragen, welche Aufgaben auf jemanden warten und welche Kompetenzen zur Verfügung gestellt werden.

Hans-Jochen Vogel ist mit Leidenschaft dabei, die Weichen zu stellen für Aufgaben und Kompetenzen, die er dann übers Jahr zu übernehmen gedenkt. Dabei werden ihm Kraftakte am laufenden Band abverlangt – oder er inszeniert sie selbst. Der Umstand, daß Vogel im zwölften und letzten Jahr seiner Amtszeit als Münchner Oberbürgermeister kürzlich beim traditionellen Anzapfen des ersten Oktoberfestfasses das Spundloch verfehlte und sich mit Bierschaum bekleckerte, läßt keine Rückschlüsse auf seine physische Konstitution zu und dürfte auch seiner Popularität keinen Schaden zugefügt haben.

Indes muß Vogel erkennen, daß seine Auftritte beim Parteivolk nicht mehr automatisch Ovationen hervorrufen; der Beifall wird dünner, es gibt Buh-Rufe. Mit der zunehmenden Macht, die Vogel demonstriert, wird seine unbeirrte Anhängerschaft sowohl bei den Münchner Genossen, deren Vorsitzender er ist, als auch bei der bayerischen SPD, deren Chef er im nächsten Jahr werden soll, immer kleiner. Die weiß-blauen Sozialdemokraten schwanken zwischen der unausgesprochenen Parole "Bremst den rechten Flügelmann Vogel" und der Überzeugung, daß nur mit einem starken Vogel Wählerstimmen zu gewinnen sind. Der Abstand zur CSU beträgt seit den letzten Landtagswahlen 19,4 Prozent, bei Bundestagswahlen liegt die bayerische SPD unter dem Bundesdurchschnitt.

Die Bonner SPD-Zentrale hat jetzt zu entscheiden, ob der künftige bayerische SPD-Chef Vogel innerparteilichen Kompetenzzuwachs erhält. Ihr liegt ein Antrag vor, der Umwandlung des aus bisher drei Parteibezirken bestehenden bayerischen Landesverbandes in einen einzigen Landesbezirk zuzustimmen. Vogel sieht in der Reform der Parteiorganisation eine Voraussetzung, um in Bayern die SPD effektiver zu machen. Gegen den heftigen Widerstand der Franken obsiegte die Vogel-Richtung beim Landesparteitag vor zwei Wochen in Immenstadt. 164 Delegierte stimmten für die Umwandlung, 126 dagegen.

Wenn alles nach Vogels Fahrplan läuft, würde er sodann Vorsitzender des zweitstärksten (120 000 Mitglieder) SPD-Parteibezirks im Bundesgebiet werden und 1973 die Landesliste zur Bundestagswahl anführen. Vogel über die Macht: "Wir können unsere Vorstellungen über eine Änderung der Gesellschaftsordnung nur verwirklichen, wenn wir im Bund und auch in Bayern die Macht ausüben." Und an die Adresse von Parteimitgliedern, die ein "gestörtes Verhältnis zur Macht" haben, sagte er in Immenstadt: "Ohne diese Macht bleibt unser Programm Papier und Makulatur." Die Delegierten bremsten Vogels Höhenflug jedoch sofort mit dem Stimmzettel. Bei seiner Wahl zum Stellvertreter des Landesvorsitzenden Gabert war Vogels Stimmenzahl (226 von 312) so niedrig wie nie zuvor.

Wenn Vogel pfeift...

Knapp einer Niederlage entging der "große Herr und Meister" – so nennen ihn inzwischen viele Genossen im Privatgespräch – sodann in der vergangenen Woche im Münchner, Salvatorkeller auf dem Nockherberg. Eine weitere Runde im seit Februar dieses Jahres anhaltenden Machtkampf der Parteiflügel ging über die Bühne. Der schnauzbärtige Münchner Juso-Chef Siegmar Geiselberger, 33, wurde von der Kandidatenliste für die Stadtratswahl im nächsten Jahr, auf der er einen sicheren Platz hatte, wieder gestrichen. Mit nur zwei Stimmen Mehrheit konnte Vogel seinen Willen durchsetzen.

Ausgangspunkt ist ein Artikel in den jusoinformationen, in dem ein unbekannter Juso namens Mauer Vogel und andere SPD-Politiker als "Statthalter des Kapitals" (siehe ZEIT Nr. 38/71) bezeichnet hatte. Geiselberger wiederum, zornig und ungeschickt, hatte sich mit dem Verfasser des Pamphlets solidarisiert und soll gar noch öffentlich verkündet haben, daß "diese dumme Kriecherei vor Dr. Vogel nun endlich ein Ende haben müsse".

Vogel, der sich als Oberbürgermeister gern "überparteilich" darstellte, zeigt sich jetzt als Parteimann weitgehend kompromißlos. Auf das Argument, eine Partei, die einen Herbert Hupka aushält, müsse auch einen Geiselberger verkraften können, entgegnet er: "Wir hätten der Partei viel erspart, wenn wir Hupka noch einen Tag vor der Bundestagswahl von der Liste abberufen hätten." Nur eine ganz knappe Mehrheit der 232 Unterbezirksdelegierten mochte das schwere Geschütz, das Vogel gegen den Juso aufgefahren hatte, bedienen. Manche hatten geglaubt, mit einer "Bockfotzn", einer saftigen Ohrfeige, hätte man den Fall besser bereinigt.

Dem Muster-SPD-Mann Vogel will es nicht gelingen, die Münchner Genossen zu einigen. Selbst die Frankfurter Allgemeine macht sich Sorgen: "Die gesamte bayerische SPD kann nur hoffen, daß die Wähler den mutigen und aufreibenden Kampf, zu dem sich Vogel innerhalb seiner Partei gezwungen sieht, entsprechend achten und honorieren. Denn ohne Vogel wäre die bayerische SPD, außerhalb Münchens ohnehin ziemlich schwach, arm dran."