In den letzten Jahren haben sich bei den Sowjetmenschen sehr viele Fragen angehäuft, auf die sie weder in der Presse noch im Rundfunk oder in den Reden unserer Partei- und Sowjetführer direkte Antworten erhalten. Es ist nicht erstaunlich, daß viele dieser Leute anfangen, Antworten auf ihre Fragen in ausländischen Rundfunksendungen zu suchen. Das ist, versteht sich, nicht der beste Ausweg. Gestatten Sie, daß ich einige der Fragen, die beantwortet werden wollen, formuliere. Ich bin fest überzeugt, daß eines unserer größten Übel im Verbergen und Verschweigen vieler Seiten unseres Lebens besteht. Das erzeugt beim Volk Mißtrauen gegen die Regierung und untergräbt die moralische Festigkeit der sowjetischen Gesellschaft...

1.) Der XX. und der XXII. Parteitag der KPdSU deckten himmelschreiende Verbrechen auf, die von Stalin und vielen seiner Vertrauensleute begangen waren, Verbrechen, die wegen ihrer sinnlosen Grausamkeit Entsetzen hervorrufen. Der Untergang von Millionen völlig unschuldiger Sowjetmenschen durch die Schuld Stalins, Jeshows, Berijas und ihrer Helfershelfer untergrub den Glauben an die revolutionäre Unfehlbarkeit der Partei und versetzte ihrem moralischen Prestige einen Schlag, der nicht wiedergutzumachen ist.

Um das Vertrauen wiederzugewinnen, blieb nur ein Weg übrig: jene, die an der Stalinschen Willkür schuldig sind, in aller Öffentlichkeit und ohne Rücksicht auf ihren Rang zu bestrafen, eine Säuberung der Partei durchzuführen und bis zum letzten alles zu veröffentlichen, was sich auf diese schwere Periode der Geschichte unseres Landes bezieht. Warum ist das nicht geschehen?...

Warum werden jetzt sogar Versuche unternommen, den entschwundenen Ruhm Stalins wiederherzustellen? Ist es denn nicht klar, daß jeder Schritt in dieser Richtung nur zu weiterem Verlust an Vertrauen des Volkes zu den Führern von Partei und Regierung führt?

2.) Veranschlagen Sie und andere Führer der sowjetischen Regierung die schwierige moralische Lage hoch genug, in der sich unsere Jugend befindet, darunter auch die meisten Komsomolzen? Ein bedeutender Teil der Jugend glaubt jetzt nicht an die Wahrheiten, an die wir geglaubt haben. Und dieser Verlust des Glaubens an frühere geistige Werte öffnet das Tor, durch das, über die verschiedensten Kanäle, bis hinein in unsere Jugend Stimmungen der Enttäuschung und der Hoffnungslosigkeit dringen, die im Westen in Mode sind. Verstehen Sie, daß der Kampf für die Jugend ein Kampf für unsere Zukunft ist und daß keinerlei Propaganda die Lage retten kann, solange diese Propaganda sich nicht auf die Wahrheit stützt?...

3.) Warum ist in der Sowjetunion die Veröffentlichung vieler ausgezeichneter Bücher verboten, die der Entwicklung der kommunistischen Bewegung nur helfen würden? Warum ist "Wem die Stunde schlägt", Hemingways bestes Buch, nicht veröffentlicht, warum die autobiographische Novelle E. Ginsburgs nicht herausgegeben, deren Manuskript Tausende von Sowjetmenschen kennen? Verstehen Sie, daß die Verweigerung der Veröffentlichung vieler Bücher nur darum, weil in ihnen unser Leben, das Gute und das Schlechte, wahrheitsgemäß und ohne Beschönigung gezeichnet wird, der Sowjetunion einen ungeheuren Schaden zufügt? Wer braucht eine derartige Zensur?

4.) Die Grundlage des Sozialismus ist die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Bürger, die Unzulässigkeit jeglicher Diskriminierung. Warum ist bis jetzt den Kolchosbauern in vielen Gebieten unseres Landes das Anrecht auf einen Paß aberkannt, und warum sind sie in ihren Rechten und in der Freizügigkeit beschränkt? Ist denn solch ein Zustand für einen sowjetischen Menschen nicht kränkend, widerspricht er nicht unserer Verfassung?