Von Dieter E. Zimmer

Moses zog mit seinem mürrischen Volk vierzig Jahre lang hier umher. Der deutsche Sinai-Forscher Georg Gerster sprach von seinen Reisen noch 1961 als von "Expeditionen". Bis zum Krieg von 1967 brauchte man sechzehn Tage für eine Reise von Kairo in die rötlich-purpurnen Gebirgsmassive im Süden der Sinai-Halbinsel. Die israelische Busgesellschaft Egged, den Truppen auch hier fast auf den Fersen folgend, schaffte es mit umgerüsteten Spezialbussen von Tel Aviv aus in ein paar Tagen. Seit Mitte August dieses Jahres ist das Gebirge des Sinai nun nur noch reichlich eine Stunde von Tel Aviv entfernt: eine Flugstunde. Arkia, die innenstädtische Luftlinie, bietet zusammen mit Egged eine ganze Palette von Flug- und Busexkursionen an, die das Katharinenkloster am Sinai, den Militär- und Wassersportstützpunkt Scharm-el-Scheich, die Oase Abu Rodeis, Eilat und Massada in verschiedener Kombination und Dauer miteinander verbinden. (Massada selbst ist entweder über die neue Westküstenstraße am Toten Meer, von Jericho und Qumran, dem Fundort der Schriftrollen vom Toten Meer, über Ein Gedi nach Sodom oder vom Flugfeld Ein Gedi aus inzwischen per Seilbahn zu erreichen – die heroischen Tage touristischer Kletterpartien in sengender Hitze; sie sind auch hier zu Ende.) Für die Eiligsten gibt es einen Tagesausflug zum Katharinenkloster und nach Scharm-el-Scheich für etwa 250 Mark.

Die Kontrollen im Inlandgebäude des Flughafens Lod bei Tel Aviv werden, mit routinierter Gründlichkeit absolviert. Frauen dort durch die Kabine, Männer hierlang, bwakoscha! Machen Sie mal das Etui auf. Ist das ein Kugelschreiber zum Schreiben? Arme hoch: selbst der dünnen Sommerkleidung traut man also zu, Waffen zu verbergen. Der Sicherheitsbeamte bleibt die ganze Reise über dabei, paßt auf, daß niemand ein Gepäckstück noch unbekannten Inhalts an Bord bringt und daß wirklich niemand photographiert – einem Zivilmenschen wird ewig rätselhaft bleiben, welchen militärischen Nutzen photographische Ablichtungen von Steinwüsten haben könnten. Doch niemand findet diese Vorsichtsmaßnahmen hier lästig; lästig wäre, wenn sie ausblieben.

Sobald die Viscount der Arkia ihren definitiven Südkurs gefunden hat, verliert sich unten aus der Landschaft immer mehr das Grün. Auch die Terrassierungen, die zunächst noch viele Hügel konturierten wie die Höhenlinien auf altmodischen Landkarten, werden weniger. Die Ansiedlungen nehmen immer mehr die Farbe des umliegenden Gesteins an. Statt der Asphaltbänder gibt es nur noch Wege, wie mit einem unsicheren Griffel in die Landschaft geritzt und hier und da von Sand ausgelöscht. Schließlich bleibt alle menschliche Zivilisation aus; nun liegt unten nur noch die nackte Geologie, kalkigbraun, schwärzlichbraun, rötlichbraun, rissige Reliefs, riesige Felsennarben, Canyons, sich aufwärts verästelnde Sandströme. Dann, von einem ungetrübten, fast fluoreszierenden Türkisblau: die schmale Zunge des Golfs von Akaba. Die andere Seite, erst jordanisch, später saudiarabisch, sieht fast noch strenger, noch wasser- und wegloser aus als die Negev-Wüste auf der israelischen Seite und ihre Fortsetzung auf der Sinai-Halbinsel. Es müßte sich jetzt der Gedanke einstellen, daß der Fanatismus, den die Weltreligionen brauchten, nur in einer solchen grellen Kargheit aufkommen konnte; doch, man wundert sich nur, daß in dieser lebensfeindlichen Wildnis es Menschen überhaupt je ausgehalten haben: die christlichen Sinai-Anachoreten nicht als Flüchtlinge, sondern als zum Äußersten Entschlossene:

Der neue Mt. Sinai Airstrip ist eine Asphaltpiste mitten im Nichts, dort, wo es etwas flacher ist, ehe weiter im Süden die niemals vom Meer überspülten Granitgeröllberge beginnen, die seit dem Erkalten der Erdkruste nur von Sandstürmen zurechtgeschliffen wurden. Eine. Asphaltpiste, eine mastkorbähnliche Konstruktion, die den Tower vorstellt, eine Baracke mit ein paar geweißten Tonnen davor, ein paar gelangweilte Soldaten; sowie die grünlichen Egged-Busse, die in knapp einer Stunde Fahrt durch Wadis und über Geröll, mächtige. Staubwolken aufwirbelnd, an einzelnen Beduinen vorbei, das Katharinenkloster erreichen: eine unvermutete Bastei mit einigem Grün am Fuß des Dschebel Musa, des Moses Bergs, fast anderthalb Jahrtausende alt, argwöhnisch nach außen abgeschirmt, heute nur noch von sieben, oder acht griechisch-orthodoxen Mönchen bewohnt, inmitten von Steinen und Staub im Besitz einer der ältesten Bibliotheken (photokopiert in Gänze im British Museum zugänglich), einer der imposantesten Ikonensammlungen, eines von der Universität Princeton auf Hochglanz gebrachten byzantinischen Mosaiks in der Apsis der Klosterbasilika, die über dem Brennenden Busch errichtet sein soll – ein Ableger ist draußen zu besichtigen.

Der Guide allerdings wird nicht müde, mythensüchtige Touristen zu verunsichern. Es sei, so erinnert er sie, keineswegs gesagt, daß dieses der Berg Sinai sei, auf dem Moses bei Donner, Flammen und Posaunenschall jene (ungeheuer detaillierten und komplizierten) Gesetze entgegengenommen habe; dreizehn oder vierzehn solche Berge habe die mosaische Überlieferung zu identifizieren geglaubt, sich aber auf keinen festlegen wollen – nur die Gojim brauchten unbedingt heilige Orte. An dieser Stelle hätten sich die Katholiken ("denn es sind echte Katholiken, mit ein paar liturgischen Sonderheiten" – so wischt er den jahrtausendalten Bruch zwischen Ost- und Westkirche beiseite) nur darum niedergelassen, weil der wahrscheinlichere Dschebel Serbal (aber bei der Idealisierung von Legenden macht die Wissenschaft keine überzeugende Figur) im Nordwesten bereits von einer häretischen Sekte in Anspruch genommen worden war. "Wenn Sie mich fragen, worin die Glaubensunterschiede bestanden: Haarspaltereien. Aber Sie brauchen sich nur umzuhören, worüber heute in Israel gestritten wird ..."

Überhaupt ist er sehr intensiv, dieser Fremdenführer. Wie offenbar die meisten seiner Kollegen legt er Wert darauf, daß seine Schützlinge gedanklich geläutert aus seiner Fürsorge hervorgehen. Er hält seine Gruppe auf Trab: Los, Leute, hier wird nicht getrödelt! Er massiert ihnen gründlich ein, was ihnen in der Eile sonst vielleicht entginge: Hier handelt es sich um eins der größten Kulturdenkmäler der Welt! Er staucht sie zurecht, während der Bus über Staub und Stein stolpert: Das jetzt wäre Speise für die Seele, darum auch so teuer, bitte sehr, und sollten etwa Agnostiker anwesend sein, so hätten sie selber den Schaden davon. Denn hier also (also doch hier?) sei uns allen das Gesetz gegeben worden – bitte Beeilung, Sie vergeuden Ihre Zeit, nicht meine, und benehmen Sie sich gefälligst anständig, denn Israel werde nicht danach, beurteilt, was es am Suezkanal tue oder lasse, sondern danach, wie es die heiligen Stätten traktiere, und den Mönchen hier sei an Touristen und dem Jerusalemer Tourismusministerium nichts weiter gelegen. Also benehmen Sie sich!