ZEITMOSAIK

Freiheit ist schrecklich, aber zugleich heiter.

Germaine Greer

Neuer Vorsteher

Am Montag wählte sich der "Börsenverein des Deutschen Buchhandels" einen neuen Vorsteher: den sechzigjährigen Ernst Klett, Inhaber des Stuttgarter Verlags, der seinen Namen trägt und heute der größte Schulbuchverlag der Bundesrepublik ist. Klett löst Werner E. Stichnote ab, in dessen dreijähriger Amtszeit der Börsenverein viel von seinem früheren Image sturer Rückschrittlichkeit verloren hat. Als einen Konservativen bezeichnet sich auch Klett noch (im letzten Heft des "Merkur" veröffentlichte er zum sechzigsten Geburtstag von dessen Herausgeber Hans Paeschke einen Aufsatz über Konservatismus heute, in dem er die Konservativen aufforderte, zwar das Unverzichtbare zu bestimmen, das Verbrauchte aber auszuscheiden), aber er hat vor, die Arbeit des Börsenvereins weiter zu versachlichen, die Entscheidungen in noch stärkerem Umfang von Fachkommissionen vorbereiten zu lassen und somit die Entwicklung vom Honoratiorenklub zur Fachorganisation voranzutreiben-

Handkemenge

Aus Graz kommt die Nachricht, daß dort der steirische Herbst einen stürmischen Auftakt genommen hat. In der Neuen Galerie wollte man die drei zugkräftigsten Autoren der heimischen Dichterschule zu Wort kommen lassen: Handke, Scharang und Wolfgang Bauer. Gerade deren Zugkraft aber hatte man mit der Wahl eines zu kleinen Saales unterschätzt. Das vorwiegend junge Publikum stürmte das Lokal, und die zu Gast geladenen Autoren sahen sich in dem ausbrechenden Trubel bald hoffnungslos eingekeilt. Für die zu Hilfe gerufene Polizei waren Dichter und Publikum eines – so genau unterschied man da nicht. Als im Zuge einer handfesten Auseinandersetzung Peter Handke schrie: "So verhaften Sie mich doch!" zögerten die steirischen Polizisten nicht, dieser Aufforderung nachzukommen. Aus Protest weigerte sich daraufhin Michael Scharang aufzutreten, nur Wolfgang Bauer absolvierte sein Vortragspensum. Gegen Handke wurde Anzeige wegen "ungestümen Benehmens", Ordnungsstörung und "Beleidigung eines Wacheorgans mit Handgreiflichkeiten" erstattet. Erst am nächsten Abend konnte dann die Lesung in einem größeren Saal nachgeholt werden. Ohne Zweifel aber ist die Verhaftung des Vortragenden eine der originellsten Methoden, den Applaus einer Dichterlesung zu sichern.

Picassos Tauben

ZEITMOSAIK

Auf ganz besondere Art gedenkt die Londoner Tate Gallery, Picassos 90. Geburtstag zu feiern: Am 25. Oktober werden sich um 12 Uhr mittags 90 Tauben von den Stufen der Tate Gallery in die Luft schwingen. Mr. Colin Osman, der Herausgeber der Zeitschrift "Die Renntaube", hat die Tauben, unter denen sich eine weiße befindet, ausgewählt und wird die Aktion überwachen. Der Taubenstart kann freilich nur bei gutem Wetter stattfinden, weshalb die Mithilfe von meteorologischen Stationen benötigt wird und die endgültige Entscheidung über diese ungewöhnliche Geburtstagsfeier auch erst am 25. um 10.30 Uhr gefällt werden kann. Ein Vorschlag zur Güte: 90 Stiere parat halten, die im Falle, daß das Wetter einen Strich durch die Tauben macht, einspringen könnten.

Joseph Offenbach

Im Fernsehen war er der sprichwörtliche "kleine Mann", dem alle Alltagsnöte weder den Dialekt noch den Humor verderben können. Noch in diesem Klischee, zu dem er, wie viele seiner populären Kollegen, immer wieder, weil die Infratestzahlen es so verlangten, verwurstet wurde, lebten Ahnungen von dem großen Schauspieler fort, der er auf der Bühne, vor allem in der Ära Gründgens, war. Ob er Shakespeares kleine Leute, ob er Molières verschrobene Sonderlinge spielte – stets brachte der 1904 in Offenbach geborene Schauspieler hessische Niebergall-Skurrilität und melancholischen Büchner-Humor in seine Rollen ein, die aus dem leisen Widerspruch und der skeptischen Abwehr von allem großen Pathos lebten. Er war das, was man einen "Charakterkopf" nennt – noch da, wo er diesen als trademark durch allzu populäre Familienserien ziehen mußte.