Das Protokoll für die Verhandlungen zwischen Bahr und Kohl entkrampft sich

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

Wenn Egon Bahr mit seiner Delegation vor dem Gebäude, des Ministerrats in Ostberlin vorfährt, steht Karl Seidel, Leiter der für die Bundesrepublik zuständigen Abteilung im DDR-Außenministerium, unter der Tür und macht Honneurs. Michael Kohl begrüßt die Bonner erst im Verhandlungssaal. Nach Abschluß der Beratungen geleitet er seine Gäste hingegen bis zum Portal.

Wenn Michael Kohl mit seiner Delegation vor dem Eingang II des Bundeskanzleramtes vorfährt, steht Ministerialdirektor Ulrich Sahm, Leiter der Abteilung für auswärtige und innerdeutsche Beziehungen, zur Begrüßung bereit. Egon Bahr hingegen wartet in Raum 206, dem Beratungszimmer im ersten Stock des Kanzleramtsanbaus. Sind die Verhandlungen beendet, bringt auch er die Gäste bis zur Tür.

Das innerdeutsche Protokoll ist deckungsgleich und von einer Politik der kleinen Schritte bestimmt. Überwunden ist jenes erste Stadium, in dem Bahr vor verschlossenem Portal stand, das sich dann wie von Geisterhand öffnete; überwunden ist auch die zweite Phase, in der der Staatssekretär im Inneren des Ministerratsgebäudes in Empfang genommen wurde. Die dritte Entwicklungsstufe des Protokolls, das jetzt gehandhabte Begrüßungszeremoniell, hat übrigens eine Studentin entscheidend mitbeeinflußt. Bis vor kurzem als Aushilfskraft im Kanzleramt beschäftigt, machte sie Egon Bahr beim Betriebsfest zur Weiberfastnacht den Vorschlag, sich doch endlich einmal mit Kohl zusammen am Eingang den Journalisten zu zeigen. So geschah es, und beim nächsten Treffen in Ostberlin ging auch Kohl mit Bahr prompt bis vor die Tür.

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