Von Bruno Kreisky

Willy Brandt hat, schon ehe der Zweite Weltkrieg richtig in Gang gekommen war, den Frieden vorbereitet. Er war 1941 der Initiator einer Arbeitsgemeinschaft von Sozialdemokraten aus vielen europäischen Ländern in Stockholm. Sie ließen sich ihn auch als Moderator gefallen, obwohl er Deutscher war. Seine Leistung war bemerkenswert. Er produzierte Papiere und Entwürfe mit einer Technik, wie wir sie später nur bei internationalen Kongressen und Organisationen kennenlernten, und er tat es mit unglaublichem Fleiß und großer Einfühlungsgabe. Der bedurfte es auch, denn zu unserem Kreis gehörten auch Polen, Tschechen und Sudetendeutsche. Seine Geduld war ebenso groß wie sein Fleiß; und zu alledem kam eine faszinierende Gabe, sich die "kommenden Dinge" vorstellen zu können. So lernten wir Willy Brandt in der Emigration als internationalen Sozialdemokraten kennen und wurden gern seine Freunde.

Wenn in zahllosen Diskussionen dieser Art von Deutschland die Rede war, vom Schicksal nach dem Krieg, und wenn die Gedanken Lord Vansittarts auch gelegentlich in die Reihen der Sozialdemokraten Eingang fanden, war er geduldig und verständnisvoll denen gegenüber, die aus Ländern kamen, die gerade von der deutschen Armee unterworfen wurden. Vielen schien damals eine Diskussion, was mit Deutschland nach dem Kriege geschehen wird, überflüssig. Sie nahmen nur an ihr teil, weil es sich irgendwie gehörte, aber ein Problem war es ihrer Meinung nach nicht, denn Deutschland, das sollte es nach dem Krieg nicht geben. Willy Brandt verstand es, die anderen zuerst für seinen Standpunkt zu interessieren, dann sehr oft zu überzeugen und nicht selten auch zu gewinnen.

Im August 1943 sagte er in einer Diskussion: "... Ich habe Deutschland nie aufgegeben – das andere Deutschland." Und wenn man ihm seine Überzeugung abnahm, so nicht, weil man sich seiner Eloquenz beugte, denn schon damals sprach er bedächtig und abgehackt – und das in beiden Sprachen, Deutsch wie Norwegisch. Er hatte seine besondere Art sich auszudrücken und zu überzeugen, und das alles in einer Zeit, in der es furchtbar schwer war, ein Deutscher zu sein – auch ein deutscher Sozialdemokrat.

Nach dem Krieg ging er so rasch wie möglich nach Deutschland. Er hätte nicht müssen, die Norweger hätten ihn gern behalten. In Berlin wurde er für uns zur Personifizierung des demokratischen Widerstandsgeistes. Er erlangte beträchtliche internationale Reputation: Er schnitt, wie Heuss vermerkte, draußen und drüben gut ab. Die Illustrierten der Welt bemächtigten sich seiner und seiner hübschen Frau. Mit ihm photographiert zu werden, war ehrenvoll und brachte Gewinn. Da beschlich manchen der Freunde die Sorge, ob da nicht die Versuchung, Publicity und policy zu verwechseln oder gar gleichzusetzen, zu groß werden könnte. Aber Willy Brandt widerstand dieser eminenten Gefahr, die unser öffentliches Leben verflacht hat und es substanzlos machen könnte. Kaum einer hat in der Welt draußen mehr für Berlin getan, hat Berlin so sehr zu einem Engramm im weltpolitischen Bewußtsein gemacht wie er.

Dann wurde er Vorsitzender der SPD. Sicher, so mancher hoffte, daß vom Glanz des heroischen Berliner Bürgermeisters auch ein Schimmer auf die gegen Adenauer und Strauß hart kämpfende Partei fallen werde. Sonderbarerweise wurde Willy Brandt ihr erfolgreichster Vorsitzender zu einem Zeitpunkt, als die Welt langsam zu vergessen begann, daß er einmal der Berliner Bürgermeister war. Es kamen Wahlen, die Erfolge und Niederlagen brachten, aber der entscheidende Durchbruch blieb aus. Er kam erst mit der Großen Koalition – für ihn und für die deutsche Sozialdemokratie.

Was ein guter Außenminister ist, entscheidet sich nur zu einem geringen Teil in der Innenpolitik. So etwas wird man als Ergebnis komplementärer Faktoren, die im Inland und im Ausland wirken. Willy Brandt kam seine Berliner Zeit sehr zustatten, auch seine Emigration. Sie hob ihn über jeden Zweifel hinaus. Und wieder schaffte er sich seine eigene politische Position. Daß er sich dabei seinen Sinn für Humor, seine Freude am Lachen und am Beisammensein mit Freunden behalten hat, hat ihm sicherlich viel geholfen.