Von Friedhelm Schmülling

Mit Maurice Béjart leben heißt den Kontrast lieben lernen. Mit Béjart leben heißt auch den Spektakel in seinen und um seine spectacles nicht zu ernst nehmen, um dem wirklich Spektakulären in Béjarts reichem Oeuvre nahe zu kommen.

Dazu gehört sicherlich als Faktum die erheblich divergierende Meinung zwischen der europäischen und amerikanischen Ballettkritik, die Béjart vor wenigen Monaten erst recht heftig zu spüren bekommen hat. Von der etablierten Rezension – allen voran Clive Barnes von der "New York Times" – erbarmungslos verrissen, ließ sich das triumphale Abschneiden beim Publikum als "Trostpflaster" auf die klaffende Wunde des Nichtverstandenseins durch die amerikanische Kritik kleben. Aber nicht nur Béjart war nach seinem Gastspiel um eine Erfahrung reicher, sondern auch Clive Barnes: gewohnt, daß seinen Verrissen der sofortige Abbruch der entsprechenden Aufführung oder Tournee zwangsläufig folgte, durfte Barnes zusehen, wie Béjart blieb und gefeiert wurde.

Als zweite Prämisse sei vorausgeschickt, daß Béjart als der "choreographische Imperator Brüssels" souverän regiert und sich einen neuen, siebentausend Sitzplätze fassenden Sportpalast hat "bauen lassen". Der Theatermann Béjart hat für die gegenwärtige vierzehntägige Aufführungsserie seines Balletts "Nijinsky, Clown de Dieu" im ersten Anlauf bereits über achtzigtausend Karten verkauft!

Das künstlerische Schicksal Nijinskys, der Balletthistorie wohl schillerndstes Kind, in dem sich eine nie wieder erreichte tänzerische Perfektion mit einer äußerst differenzierten Ausdrucksskala zum Genie der reinen, tänzerischen Physis trafen, war untrennbar mit dem russischen Kunstmanager Sergej Djagileff verbunden, unter dessen Ägide das renommierte "Ballet Russe" Namen wie Cocteau, Picasso und Strawinsky zu seinen Mitstreitern zählte. Nijinskys mythenumrankte Tänzerkarriere währte knapp elf Jahre, von 1908 bis 1919.

Biographen Nijinskys verkneifen sich nur selten Anmerkungen über die offensichtliche Geist-Körper-Diskrepanz dieses introvertierten, oftmals eher stumpf und unbeteiligt wirkenden Tänzers, dessen einzige Sprache der Tanz war, mit vielleicht einer nennenswerten Ausnahme, seinen Tagebuchnotizen, die mit den Beobachtungen der Biographen merkwürdig kontrastieren.

Was Wunder, wenn der eine oder andere Zeitgenosse Nijinskys dessen dreißig Jahre währende geistige Umnachtung unmittelbar der tänzerischen Genialität Nijinskys addiert, so, als sei jene Schizophrenie – wie es der Volksmund will – letztlich Konsequenz von Genialität.