Es war ein Akt amtlicher Barbarei. Am Tisch saß der Sozialdemokrat und rechtsgelehrte Polizeipräsident der Freien und Hansestadt Hamburg. In den Saal schleppten vier seiner Beamten ein zappelndes, vergeblich gegen den Würgegriff sich sträubendes Bündel Mensch vor die Kameras des Fernsehens und die Meute der Photoreporter. "Haare weg!" kommandierte ein Photograph, und die Staatsgewalt gehorchte. Sie riß der Delinquentin den Kopf hoch und den Schopf beiseite. "Erkennungsdienstliche Behandlung" auf Hanseatenart?

Die widerliche, gewaltsame Schaustellung der unter Mordverdacht und wegen angeblicher Zugehörigkeit zur Baader-Meinhof-Gruppe verhafteten Margrit Schiller lief über alle Bildschirme der Bundesrepublik. Sie offenbarte auf bestürzende Weise, wie krisenanfällig das Rechtsbewußtsein der zum Schutz des Rechtsstaates berufenen Organe ist. Die Polizei von Hamburg hat mit Billigung ihres Chefs ein Stück vorweggenommener Privatrache für den Mord an einem ihrer Kollegen geübt. Hinzu kam die offenkundige Spekulation, ein linken Anarchisten angelasteter Polizistenmord werde auch in der öffenlichkeit das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit der gegen die mutmaßlichen Täter eingesetzten Mittel schwinden lassen. Ein Springer-Journalist hat diese Lynch-Stimmung auf ihre knappste Formel gebracht: "Nun sind alle Mittel ‚verhältnismäßig’!"

Auch ein Mord darf nicht bewirken, daß der Mörder aus der Hand des Rechts fällt und seine Menschenwürde verliert. Die Verteidigungswürdigkeit unserer Ordnung gegen alle verbrecherischen Anschläge hängt davon ab, daß sie nicht aufhört, in ihrem entschlossensten Gegner noch den Menschen zu erkennen. H. Sch.