Sorge um die Arbeitsplätze brachte sie erstmals nach zwei Jahren wieder an einen Tisch: Die italienischen Gewerkschaftsführer sprachen sich acht Stunden lang in Rom mit den Unter nehmern über die wirtschaftliche Lage aus. Was Wirtschaftsbeobachter seit dem "Heißen Herbst" vorausgesehen haben, ist jetzt eingetreten Ein Teil der italienischen Industrie ist international nicht mehr konkurrenzfähig: Italien rutscht in eine Rezession.

Gewiß wurden auch anderswo die Löhne drastisch erhöht. Aber Italien hielt die Spitze. Und nicht nur dies: Die Gewerkschaften sicherten ihrem Land auch den internationalen Streikrekord. Seit der Sommerpause sind die Gewerkschaften jedoch in der Defensive. Massive Streiks, so erklärte jüngst Luciano Lama, Generalsekretär des mächtigen kommunistischen Gewerkschaftsverbandes CGIL, seien vorläufig nicht zu erwarten. Streikte man noch vor Jahresfrist für die Verkürzung der Arbeitszeiten, so gehen die Arbeiter jetzt nur noch in den Ausstand, um gegen Kurzarbeit und Entlassungen zu protestieren. Das aber trifft eine ohnedies wenig beschäftigte Industrie nicht sonderlich hart.

Über das Ausmaß der bereits jetzt erreichten Arbeitslosigkeit gehen die Ansichten auseinander. Nur über soviel sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften einig, daß Ende Oktober 800 000 Beschäftigte in der Industrie entweder kurzarbeiten oder vorübergehend entlassen sind. Hunderte von Unternehmen sind in Schwierigkeiten. Einige Dutzend mittlerer Betriebe mußten in den letzten Wochen meist wegen zu hoher Produktionskosten schließen. Betroffen von Kurzarbeit und Auftragsmangel sind besonders die Branchen Textil und Bekleidung, Elektrohaushaltsgeräte, Fernsehgeräte und elektronisches Zubehör, Papierindustrie, landwirtschaftliche Maschinen, Industriefahrzeuge, Kabelindustrie, Bauwirtschaft.

Allein in Mailand ist die Zahl der Bauarbeiter seit Jahresanfang um 8000 gesunken. Bei Pirelli wurden in der Kabelabteilung und bei technischen Gummiartikeln 7000 bis 9000 Leute auf Kurzarbeit gesetzt, beim größten europäischen Elektrogeräte Hersteller Zanussi sind es ebenso viele. Fiat hat zwar für Kleinwagen zwei bis drei Monate Lieferfristen, mußte aber in der Lkwund Traktorenproduktion sowie in Stahlwerk und Gießerei für rund 8000 Leute Kurzarbeit einführen.

Etwa 40 000 Arbeitskräfte, so schätzen die Unternehmer, scheiden im laufenden Jahr aus der Industrie aus. Zuverlässige Zahlen über die wirkliehe Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Zum Teil wandern die aus dem Süden zugezogenen Hilfskräfte der norditalienischen Industrie wieder aufs Land zurück. Zum Teil finden sie noch einen Job im tertiären Bereich, in dem bereits jetzt über 37 Prozent aller Werktätigen beschäftigt sind, gegenüber 30 Prozent noch vor zehn Jahren. Roms Arbeitsminister Donat Cattin präsentierte jüngst vor der Arbeitskomission der EWG in Brüssel folgende RechnungVon 1960 bis 1970 ist die Zahl der Beschäftigten in Italien um 1 7 Millionen zurückgegangen, obwohl in der gleichen Zeit die Zahl der arbeitsfähigen Personen um 2 4 Millionen zugenommen hat. Drei Millionen Menschen verließen den Bauernhof. Aber nur 1 3 Millionen nahm die Industrie auf. Überbesetzt ist die Bürokratie, überbesetzt ist auch der Handel. Allein der Einzelhandel umfaßt rund 750 000 Geschäfte, von denen die meisten mehr schlecht als recht dahinvegetieren. Obwohl ein Millionenheer von Gastarbeitern ins Ausland ging, leidet Italien an verdeckter Arbeitslosigkeit: Zu viele haben in diesem Land zwar eine Beschäftigung, aber keine wirkliche Arbeit. Friedbelm Gröteke