Mit dem Ziel, die Kluft zwischen Lehrlingen und Schülern, Arbeitern und Intellektuellen, Privilegierten und Minderprivilegierten zu verringern, führt die Waldorfschule in Bochum-Langendreer seit sieben Jahren mit zunehmendem Erfolg Praktika in der Landwirtschaft und – mit besonderem Schwerpunkt – in der Industrie durch. Ein Eisen- und Hydraulikwerk in Lohr am Main war bereit, diese Pionierarbeit im Bildungswesen mit unserer Schule zu leisten. Inzwischen kann der Versuch, Schüler für drei Wochen am Arbeitsprozeß zu beteiligen, sie in den verschiedensten Abteilungen, von der Gießerei bis zur Werbeabteilung, unterzubringen, als gelungen und nachahmenswert bezeichnet werden.

Es kann nicht gut sein, zukünftige Wirtschaftsleute, Politiker, Lehrer und überhaupt alle, die ihren Horizont nicht beizeiten auf hochspezialisierter, sprich fachidiotischer Ebene fixiert sehen wollen, zwölf Jahre im Schulalltag und weitere fünf bis zehn Jahre in Universitäten und Hochschulen zu isolieren. Vielleicht werden an verschiedenen Schulen Betriebsbesichtigungen durchgeführt, wo man sich freut, weil Englisch und Chemie ausfallen und wo die Lehrer ganz beiläufig die "So-ergeht-es-euch-auchwenn-ihr-nichts-tut"-Miene aufsetzen. Und wenn man dann so richtig im Dreck herumgelaufen ist, kommt ein freundlicher Betriebsrat, stiftet eine Flasche Cola für jeden und erläutert kurz und knapp die Aufgaben der Firma, wobei sich jeder für den anzufertigenden Aufsatz Notizen macht. Im Vergleich zu konzentrierter Arbeit – nicht nur am entsprechenden Arbeitsplatz selber, sondern auch an betriebsorganisatorischen und sozialen Belangen – ist ein solcher kurzer Einblick praktisch wertlos. Auch in drei Wochen kann man kaum nachfühlen, was ein Arbeiter empfindet, der sein Leben lang nur diese eine schwere Arbeit tun muß. Aber es ist wichtig, die zunehmende Automation einmal am eigenen Leibe erfahren zu können. Im theoretischen Schulunterricht – wenn dieses Gebiet überhaupt gestreift wird – lernt man nicht, wie ein Betriebsrat fungiert oder wie ein Personalchef arbeitet.

Die Betriebshierarchie ist nach wie vor vorhanden, und solange dem zukünftigen Arbeiter nicht schon in der Schule ein wacheres Bewußtsein und eine umfassendere Bildung gegeben wird, interessiert er sich auch weiterhin erst dann für allgemeinere Dinge, wenn der Inhalt der Lohntüte nicht mehr stimmt oder wenn sein Arbeitsplatz ins Wanken gerät. Und kaum ist die erste Stufe der Erfolgsleiter erklommen, bestimmen Ehrgeiz und Rivalität sein Verhalten. Arbeiter oder Angestellte nach ihrem Lohn oder Gehalt zu fragen, erwies sich für uns als äußerst heikel. Man breitet immer noch lieber seine Seelenprobleme vor Außenstehenden aus als den Inhalt der Lohntüten.

Durch die Kontinuität unserer Arbeit ist der Name unserer Schule für viele der Betriebsangehörigen zum Begriff geworden, so daß sich niemand von uns als nicht dazugehörig, fremd oder überflüssig vorkommen mußte. Lediglich die Tatsache, daß wir Schüler waren, also intelligente Leute, wie man sofort messerscharf schloß, brachte es mit sich, daß einige Arbeiter mit uns umgingen, wie sie sich nun mal vorstellten, mit Oberschülern umgehen zu müssen.

Wir mußten viel arbeiten, aber wir haben Erfahrungen aus einer für uns bisher undurchsichtigen Welt mitgebracht, die uns das Gefühl geben, daß es sich gelohnt hat, auch ohne Bezahlung einmal drei Wochen das getan zu haben, was die meisten unserer Altersgenossen ihr Leben lang Tag für Tag tun müssen.

Ich meine, ein solches Unternehmen gehört auf den Lehrplan jeder Schule, die ihren Schülern eine umfassende Allgemeinbildung verspricht.

Monika Buschey, 17 Jahre