Ältere Profis besonders gefährdet

Von Gerd Hortleder

Bei dem Versuch, den derzeitigen Skandal in der Fußball-Bundesliga zu erklären, wurden bislang vor allem drei Interpretationsschemata benutzt: das politische, das individualpsychologische und das juristische. Soziologische Abhandlungen gibt es noch nicht. Der folgende Beitrag stellt den Versuch dar, aus der Sicht der Soziologie, speziell der Berufssoziologie, einen der jüngsten und umstrittensten Berufe in unserer Gesellschaft zu analysieren.

Die politische Interpretation geht am weitesten. Sie trägt, wie es bei globalen Erklärungsversuchen häufig der Fall ist, zur Lösung des Problems nichts bei. Danach ist die Krise des westdeutschen Fußballs nur der Ausdruck jener grundlegenden und auf die Dauer tödlichen Krise des kapitalistischen Systems. "Wie der Fußballsport verfault und parasitär wird unter kapitalistischen Bedingungen – das zeigt sich hier nur einmal mehr", schreibt Klaus Schlegel, Chefredakteur der in Ostberlin erscheinenden "Neuen Fußballwoche".

Etwa zur gleichen Zeit wurde in Rumänien ein Skandal aufgedeckt, weil es im Kampf um den Auf- und Abstieg nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Anfang August 1971 zog das ungarische KP-Organ "Nepszabadsag" aus wiederholten Skandalen im ungarischen Fußball den folgenden Schluß: "Die einzig mögliche und auch einzig ehrliche und annehmbare Lösung kann also nur im folgenden bestehen: die arbeitswilligen Fußballspieler sollen entsprechend ihrer Arbeitsleistung entlohnt werden und die Berufs-Fußballer ihrem sportlichen Können und der Leistung entsprechend regelmäßig ein Einkommen beziehen und Prämien erhalten." Bisher galt der Berufssport in sozialistischen Ländern als ein Zeichen kapitalistischer Dekadenz.

Das individualpsychologische Interpretationsschema war vor allen möglichen Spielarten einer Erklärung das bequemste, weil es am wenigsten in vertraut gewordene Denkstrukturen einbrach. Danach ist der ganze Skandal auf die Schuld einiger weniger zurückzuführen. Schwächliche Charaktere erlagen den Verlockungen des "Unrechts". Horst Gregorio Canellas erscheint aus dieser Sicht als ein ehrgeiziger Fanatiker, der für den Fall, daß den Offenbacher Kickers der Abstieg erspart geblieben wäre, niemals die Öffentlichkeit informiert hätte. Und hatte nicht Manfred Manglitz schon bei früheren Gelegenheiten ein ungewöhnliches Benehmen gezeigt? Wenige hatten gefehlt, jetzt ging es um "die Sauberkeit im deutschen Fußball". Die Angeklagten, so Ankläger Dr. Kindermann weiter, hatten sich "schmutzig verhalten", jetzt gelte es, "das Haus des deutschen Fußballs und besonders des Berufsfußballs sauber zu halten".

Bis zum ersten Frankfurter Prozeß Ende Juli 1971 sah es so aus, als setze sich die individualpsychologische Interpretation allgemein durch. Zwei Gruppen wäre damit gedient gewesen. Dem Deutschen Fußballbund wäre es erspart geblieben, sich selbst und seine Institutionen in Frage stellen zu lassen. Der peinliche Betriebsunfall – so die Berechnung des DFB – würde bald, vergessen und die Welt des deutschen Fußballs wieder in Ordnung sein. Schließlich schien es so, als sei auch einer zweiten Gruppe, der öffentlichen und einem Teil der veröffentlichten Meinung, mit dem Schuld-Sühne-Prinzip Genüge getan.