Es liegt zweifache Konsequenz in Willy Brandts Außenpolitik: die Konsequenz des eigenen Denkens, aber auch die Konsequenz jener außenpolitischen Linie, die alle Kanzler der Bundesrepublik seit 1949 verfolgt haben.

BARING: Wo liegen eigentlich die Anfänge dessen, was man später die Neue Ostpolitik, Ihre Nette Ostpolitik genannt hat? Sie haben voriges Jahr einmal im Bundestag gesagt, daß am 13. August 1961 ein Vorhang weggezogen worden sei und sich dabei herausgestellt habe: die Bühne war leer. Beginnt also die Neue Ostpolitik Willy Brandts mit dem Mauerbau? Wo liegen die Ursprünge — auch die gedanklichen Ursprünge — dessen, was dann die Neue Ostpolitik geworden ist?

BRANDT: Da würde ich zurückgehen bis in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals — was viele vergessen haben — sind wir, die wir uns politisch bemüht haben in diesem Lande, ja nicht ausgegangen von einem unversöhnlichen Ost West Gegensatz, sondern von dem Bemühen, ihn überwinden zu helfen. Ein Mann wie Ernst Reuter, der in Berlin den Ruf gehabt hat, ein sehr militanter Bürgermeister zu sein, hat in diesen Jahren 1946 bis 1948 immer davon gesprochen, daß Deutschland seinen Platz im Westen haben muß, aber sich um Aussöhnung und Freundschaft mit der Sowjetunion und den Völkern zwischen Deutschland und Rußland bemühen muß. Das ist dann verschüttet worden durch den Kalten Krieg. Aber als sich einerseits zeigte, daß er zeitweilig abflaute, und sich andererseits zeigte, daß andere Methoden nicht voranführten, hat man halt das wieder aufgegriffen, womit man nach dem Zweiten Weltkrieg angetreten war.

Die Antwort Brandts ist im ersten Augenblick verblüffend. Nicht zehn, sondern fünfundzwanzig Jahre zurück sind die Wurzeln seiner jetzigen Ostpolitik zu suchen? Brandt beruft sich auf Ernst Reuter. Zu Recht. Man hat weithin vergessen, daß Reuter nicht nur jener unbeugsame Verteidiger der Freiheit Berlins war, der mit Entschlossenheit und einem heute merkwürdig anmutenden Pathos dem Imperialismus Moskaus während der Blockade entgegentrat. Es gab auch einen anderen Reuter, der schon vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, noch vom türkischen Exil aus, die künftige Bedeutung Rußlands in Europa klar vorausgesehen hatte. Reuter wußte, daß die Sowjets nach dem Kriege großen Einfluß in Mitteleuropa besitzen würden, und er war bereit, dem Rechnung zu tragen.

Er suchte für die Deutschen eine ehrliche Zusammenarbeit und wirkliche Verständigung mit dem "großen russischen Volk". Noch 1947, als sich der kommende Konflikt schon abzuzeichnen begann, in dessen Mitte Berlin und Ernst Reuter stehen sollten, erklärte er vor Sozialdemokraten: "Wir sind nicht antirussisch, wir können nicht antirussisch sein, wir wollen nicht antirussisch sein, und wir werden nicht antirussisch sein " Reuter wollte keine Feindschaft gegenüber der Sowjetunion, keine starre, voreingenommene Festlegung gegen die östliche Besatzungsmacht. Auch war er sich über die Lasten und Verpflichtungen eines zu Recht verlorenen Krieges vollkommen im klaren. Andererseits war und blieb er aber kompromißlos dabei, daß auch die Deutschen das Recht auf eine eigenständige, demokratische, freiheitliche Entwicklung besäßen, Bei Brandt kam hinzu, daß er lange dem Gedanken einer großen, vereinigten deutschen Arbeiterbewegung angehangen hatte; er war überzeugt, Hitler hätte 1933 durch gemeinsames Handeln der Linken verhindert werden können. Enttäuschende Erfahrungen in Spanien, das verheerende Wirken der Komintern und natürlich der Hitler Stalin Pakt hatten ihn ernüchtert. Trotzdem ließ er den Gedanken einer einheitlichen Arbeiterbewegung noch nicht fallen. Als er allerdings die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der sowjetisch besetzten Zone — noch von Oslo aus — erlebte, sah er sofort, wie er einem Freunde schrieb, daß es sich bei der SED um etwas ganz anderes handle als das, "was wir als Ergebnis unserer Einheitspolitik" erstrebten; die Bildung der SED sei "mit undemokratischen Mitteln und teilweise sogar mit gewalttatigen Methoden vorangetrieben worden".

Aber gab es vielleicht innerhalb der Sowjetsphäre auch andere, freiheitliche Tendenzen, auf die man seine Hoffnung setzen konnte? Im Juni 1947 reiste Brandt zum erstenmal nach Prag, um sich durch persönlichen Augenschein zu überzeugen, wie sich die Dinge im westlichsten Land der osteuropäischen "Einflußzone Moskaus gestalteten. Die Zusammenarbeit mit den Kommunisten schien Brandt hier die persönliche Freiheit nicht zu gefährden und ließ ihn hoffen, daß der Gegensatz zwischen Ost und West einen Ausgleich finden könnte. Wenn diese Hoffnungen sich in der Tschechoslowakei bestätigen sollten, dachte Brandt damals, so durfte man auch der Zukunft Berlins, der Wiedervereinigung Deutschlands mit einiger Zuversicht entgegensehen. Neun Monate später hielt Willy Brandt — und alle diejenigen, die mit ihm auf eine Synthese von Sozialismus und Freiheit, gehoff t hatten — durch den kommunistischen Staatsstreich in. Prag eine eindeutige Antwort. Bald darauf begann die Blockade Berlins. Die Bundesrepublik Deutschland, diese Schwester des Atlantikpakts und Tochter des Kalten Krieges, trat ins Leben. Der Koreakrieg führte zur westdeutschen Wiederbewaffnung. Viele fürchteten damals, daß die feindselige Konfrontation einen dritten Weltkrieg auslösen werde.

Die Sowjetunion versuchte, die Westmäcbte aus Berlin zu vertreiben. Zehn Jahre nach der Blockade begann, im Spätherbst 1958, eine neue Berlinkrise: Chruschtschow forderte praktisch die Westmächte auf, binnen eines halben Jahres auf ihre Rechte in Berlin zu verzichten. Inwieweit hat diese Entwicklung — einerseits die drastisch gesteigerten Spannungen um Berlin, andererseits eine zunehmende Entspannungsbereitschaft der Westmächte — den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, zur Suche nach neuen Wegen in der Außenpolitik veranlaßt? Sah er die Gefahr einer Isolierung der Bundesrepublik?