Von Dieter E. Zimmer

Ermattet verließen Verleger und Buchhändler am Dienstag letzter Woche die Frankfurter Buchmesse. Niemand ahnte, daß zur gleichen Stunde von Gütersloh aus eine "kostenfreie Bahnexpreß-Sendung" an die "verehrten Kolleginnen" und die "geehrten Kollegen" vom Buchhandel auf den Weg gebracht wurde, dazu bestimmt, manche auf der Messe besiegelte Disposition doch noch über den Haufen zu werfen.

Im Auftrag der Verlagsgruppe Herbert Fleissner (Langen Müller, Herbig, Amalthea) verschickte die Vertriebsorganisation des Bertelsmann-Konzerns dreißigtausend Exemplare eines Buches, dessen Erscheinen erst für den Sommer 1972 und von einem ganz anderen Verlag angekündigt worden war, vom Luchterhand Verlag: Alexander Solschenizyns neuesten Roman "August Neunzehnhundertvierzehn" (genauer: den 1970 abgeschlossenen ersten Teil des Romanwerks, das der in seiner Heimat von der Obrigkeit verfemte und schikanierte Nobelpreisträger als sein Hauptwerk betrachtet). Jeder Buchhändler bekam ungefragt sinnigerweise so viele Solschenizyns, wie er Exemplare von Fleissners derzeitigem Bestseller, Fernaus "Cäsar läßt grüßen", abgenommen hatte: Hitlers ehemaliger Durchhalte-Propagandist als Maßstab für die Zuteilung eines Buches, dem vor allem eine Entkrampfung des russisch-deutschen Verhältnisses bescheinigt wird.

Organisatorisch war der überraschende und beispiellose Coup des Verlags Langen Müller eine Glanzleistung. So wenige waren es gar nicht gewesen, die Bescheid gewußt hatten. Zahlreiche Mitarbeiter der Fleissner-Gruppe waren über die geplante Aktion orientiert gewesen und hatten geschwiegen. Es schwieg der Übersetzer Alexander Kaempfe, der fünfzehn Wochen lang neun Stunden täglich an dem fast achthundert Seiten starken Text gearbeitet und mehrere Leute konsultiert hatte; er hatte sich auch nicht verplappert, als er im Sommer vom Luchterhand Verlag gefragt wurde, ob er für ihn die Übersetzung des Romans besorgen würde, und wegen Arbeitsüberlastung abgelehnt (überlastet war er tatsächlich: er war für Langen Müller bereits an der Arbeit). Zwei Werbeagenturen bereiteten Anzeigen für die Woche des großen Coups vor, ein Stuttgarter Graphiker entwarf den Schutzumschlag, ein Münchner Anwalt eine Schutzschrift. Und die Bertelsmann-Firma Mohndruck in Gütersloh erhielt unter dem Arbeitstitel "Russische Balladen" laufend Druckvorlagen in Form von Baryt-Abzügen des fertigen Satzes und druckte und druckte ahnungslos (aber nur einen Teil der Gesamtauflage von 100 000 Exemplaren); die Abzüge von Titel und Impressumsseite kamen erst ganz zuletzt, Ende vorletzter Woche.

Da im Impressum der vorgeschriebene Druckerei-Vermerk fehlt (Fleissner: "Ich weiß wirklich nicht, warum – das muß einfach vergessen worden sein"), die Herstellerfirma also nicht sofort zweifelsfrei feststand, konnte sich die einstweilige Verfügung, die Luchterhands Anwalt Ferdinand Sieger am Donnerstag vormittag beim Landgericht Stuttgart gegen jede Ankündigung, Vervielfältigung, Verbreitung und Verwertung der Ausgabe beantragte und die am Freitag nachmittag, ohne erst eine mündliche Verhandlung anzusetzen, erlassen wurde, nicht auch gegen Druckerei und Vertriebsfirma richten. Und dieser Umstand wiederum setzte Langen Müller kommoderweise instand, am Freitag abend ein Fernrundschreiben mit der immerhin noch halb siegesbewußten, wenn auch irreführenden Behauptung hinauszuschicken, "der Antrag des Luchterhand Verlags gegen den Langen-Müller-Verlag hatte nur zum Teil Erfolg" – nachdem der Verlag schon am Mittwoch abend, als Luchterhands Anwalt noch seine Unterlagen sammelte und eine einstweilige Verfügung noch gar nicht beantragt war, alle Welt per Fernschreiben durch die Falschmeldung irritiert hatte, der Antrag Luchterhands sei abgewiesen worden.

In dieser Sache also zeigte sich ein sonst schwatzhaftes Gewerbe von der verschwiegenen Seite. Otto F. Walter vom Luchterhand Verlag erfuhr von Fleissners nächtlichem Beutezug erst, als ihn sein Anwalt Sieger am Mittwoch vormittag aus Stuttgart anrief. Und dieser war um sieben Uhr früh aus Düsseldorf von Erwin Barth von Wehrenalp angerufen worden, dem Chef der Econ-Verlagsgruppe. Dafür schickte Fleissner auf der Stelle ein Exemplar der Übersetzung an Willy Brandt und an Sowjetbotschafter Falin – es muß ihm also immerhin bewußt gewesen sein, daß seine Aktion mehr war als ein verlegerischer Schachzug irgendwo am Rande der Legalität, nämlich ein Politikum.

Außerdem brachte die Aktion einmal zutage, auf wie krumme Touren dieses so auf honorige Wirkung bedachte Gewerbe mitunter verfällt; mehr als bedauerlich ist dabei vor allem, daß die Affäre ausgerechnet unter Solschenizyns Namen in die deutsche Verlagsgeschichte eingehen wird. Passieren konnte das alles nur wegen der urheberrechtlich prekären Position sowjetischer Autoren und wegen der darüberhinaus besonders prekären politischen Position Solschenizyns in seiner Heimat; beide muß man sich vor Augen halten, will man verstehen, wie es zu Fleissners Coup überhaupt kommen konnte, und will man sich ein Urteil darüber bilden.