Von Anthony Ngonorano

In Lateinamerika erzählt man sich gern die folgende Geschichte von einem jungen chilenischen Ökonomen: Er trug einem englischen Professor der Volkswirtschaft den Wunsch vor, sich mit der Ökonomie der Unterentwicklung zu befassen. Darauf fragte der Professor zurück, welche Richtung der Ökonomie das überhaupt sei. So geschehen in den fünfziger Jahren.

Nationalökonomie, so wie sie in der industrialisierten Welt gelehrt und in der Wirtschaftspolitik praktiziert wird, bleibt für die Dritte Welt wenig praktikabel. Wenn in einer modernen Volkswirtschaft der Ökonom von krisenartigen Erscheinungen überrascht wird, so braucht er nicht untätig zu bleiben. Es steht ihm ein "Werkzeugkasten" zur Verfügung, aus dem er – mehr oder weniger – brauchbare Instrumente zur Bekämpfung von Krisen entnehmen kann. Instrumente haben den Glauben an die "Manipulierbarkeit der Dinge" bei den Ökonomen gefestigt. Droht hier und da ein Schiffbruch, so ist der Ökonom mit dem entsprechenden Ursache-Wirkungsmodell gleich zur Hand.

Der Ökonom hat dabei ein leichteres Spiel als sein Kollege in der Dritten Welt, der mit seinen Instrumenten herumexperimentiert und ihre weitgehende Untauglichkeit feststellt. Ein Fehlschlag seiner Experimente ist nicht immer auf ein Versagen der staatlichen Träger der Entwicklungs- und Wachstumspolitik zurückzuführen. Aber auch nicht auf die Konspiration irgendwelcher Interessengruppen.

Das Problem einer rationalen Entwicklungspolitik liegt tiefer. Denn es ist bis heute noch nicht gelungen, die traditionelle ökonomische Theorie so zu übertragen, daß sie den Verhältnissen der Entwicklungsländer gerecht wird. Damit fehlt in diesen Ländern die zuverlässige Orientierungsgrundlage für die Wirtschaftspolitik.

Zugegeben – als Folge der Entwicklung früherer Kolonien zur nationalen Unabhängigkeit sind in diesen Ländern Anstrengungen unternommen worden, eine auf die jeweiligen Verhältnisse ausgerichtete Grundlagenforschung zu betreiben. Doch dem Ökonomen in Entwicklungsländern bleibt in der Regel wenig anderes übrig, als die Rolle eines Experimentators zu spielen. Sein Erfolg bleibt damit mehr oder minder dem Zufall überlassen.

Oft findet der Ökonom, der seine Kunstfertigkeiten in den Entwicklungsländern anwenden will, eine Welt vor, die er nicht begreifen kann. Er wird mit Daten konfrontiert, über deren Zusammenhang er an Hand der Modelle aus der westlichen Wirtschaftstheorie keine befriedigende Aussage machen kann.