Von Imanuel Geiss

Aus der Flut politischer Taschenbücher ragen in diesem Herbst zwei Sammelbände heraus, weniger wegen ihrer inhaltlichen oder formalen Qualitäten als wegen des großen Themas, das sie ansprechen: Beide haben anspruchsvolle Titel, die sich weder durch die Beiträge noch durch die unbefriedigenden Einleitungen rechtfertigen lassen. Beide regen aber zur kritischen Reflexion über die großen Fragen unserer Epoche an, das eine Buch auf theoretisch-akademischer, das andere auf praktisch-politischer Ebene.

Der vom stellvertretenden Chefredakteur des Spiegel herausgegebene Band –

"Wir leben in der Weltrevolution – Gespräche mit Sozialisten"; hrsg. von Georg Wolff mit einer Einleitung von Dieter Brumm; Verlag Paul List, München 1971; 190 S., 3,80 DM.

vereinigt zehn Spiegel-Gespräche mit zehn sozialistischen Theoretikern aus sechs Ländern über Situation und Chancen des Sozialismus. Die Interviewten sind alte Hasen, bis auf einen, Rudi Dutschke, den die Reaktion fast zu Tode hetzte. Alle sind oder waren eigenwillige Individualisten, die früher oder später mit ihrer politischen oder sozialen Bezugsgruppe in Konflikt gerieten: Theodor W. Adorno, Rudi Dutschke, Ernst Fischer, Roger Garaudy, Max Horkheimer, Milan Kangrga (Jugoslawien), Georg Lukács, Herbert Marcuse (zweimal), Jean-Paul Sartre, Gajo Petrovic (mit Kangrga).

Der Gesamttitel ist der ebenso emphatischen wie richtigen Bemerkung Ernst Fischers entnommen: "Wir leben in der Weltrevolution." Nur hätte wenigstens der Herausgeber darauf verweisen sollen, daß die "Weltrevolution" weder der Sache noch der Umschreibung nach Erfindung böser Kommunisten ist. Schon der große Tocqueville sprach seit 1835 von der permanenten und globalen Revolution der Neuzeit.

Die lockere Form des Diskussionsgesprächs mit unterschiedlichen inhaltlichen Ausgangs- und Schwerpunkten erlaubt es nicht, das große Thema unserer zeitgenössischen Weltrevolution systematisch herauszuarbeiten, so daß der Gesamttitel doch nur allegorisch bleibt. Trotzdem hat jeder Teilnehmer an der kollektiven öffentlichen Aussprache mitgeholfen, einen Begriff, der leicht in eine pseudo-revolutionäre oder reaktionäre Leerformel ausarten kann, sinnvoll auszufüllen: