Bochum – Ein Supermarkt der Wissenschaften

Von Nina Grunenberg

Die Protestbewegung an den Hochschulen war erst eine leichte Brise, als 1965 die Universität in Bochum eröffnet wurde. Den Namen erhielt sie von der Ruhr – einem Fluß, einer Industrielandschaft, dem größten Arbeiterrevier Europas. Hier hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein Erlaß Kaiser. Wilhelms II. fortgewirkt, wonach es an der Ruhr keine Universitäten und keine Kasernen hatte geben sollen. Der Kaiser wünschte Ruhe im Revier. Die Ruhr war der "Amboß", die "Schreibtische" standen woanders. Sollte die Ruhruniversität nun die erste Universität für Arbeiter sein?

Der erste Bochumer Rektor war ein evangelischer Theologe. In seiner Antrittsrede sprach er nicht von Arbeitern, auch nicht von Reformen, sondern akademischem Brauch gemäß über ein Thema seines Faches ("Und Gott sprach"). Derselbe Rektor fand noch nichts dabei, seinen Nachfolger mit dem Traditionsgruß "Ave, rector magnifice" ins Amt einzuführen.

Als Reformexperiment wurde die Universitätsneugründung anfangs dennoch betrachtet, wenn auch nicht wegen der Vokabeln von der "ungenutzten Bildungsreserve" oder der "Chancengleichheit" – sie spielten damals noch keine große Rolle. Der damalige CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Franz Meyers, hoffte, daß mit der Ruhruniversität "die deutsche Hochschule vielleicht aus ihrer Krise herausgeführt werden kann". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wünschte sich, in Bochum möge die "universitas litterarum wieder wirklicher werden". Die kühnsten Erwartungen hatte eine Düsseldorfer, der Pflege des Landesstolzes gewidmete Zeitung: "Die Gründung der Ruhr-Universität in Bochum", schrieb sie, "gibt dem Lande Nordrhein-Westfalen die Chance, durch ein Modell ähnlich reformierend zu wirken wie der Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im preußischen Innenministerium, Wilhelm von Humboldt, durch das Modell der Universität Berlin (1809)."

Solche Gedanken erscheinen einem heute so überraschend wie Fundsachen beim Antiquar. Nordrhein-Westfalen fehlte ja nicht nur ein Humboldt, sondern auch ein Fichte als erster Rektor und ein Schleiermacher, der die Berliner Universität geplant hatte. Nordrhein-Westfalen zeichnete sich in Bochum dennoch aus: Selten hat eine neue Universität einen so stolzen und großzügigen Geldgeber gehabt. Bochum war lange Jahre das Lieblings- und Prestigeobjekt des Landes, aber es bekam für sein Geld – eine gute Milliarde bis heute – auch etwas zu sehen: Binnen sechs Jahren wurde auf einem alten Zechenareal im Süden Bochums ein gewaltiges Gebirge aus Beton, Stahl und Glas in die Gegend gesetzt. Dreizehn Hochhäuser, miteinander verbunden durch ein dreigeschossiges "Kommunikationszentrum" – zu dem auch die gerade eröffnete "größte Mensa der Welt" gehört – bieten heute schon Platz für 15 000 Studenten (bei der Planung war nur an 10 000 Studenten gedacht; wenn der Aufbau in drei Jahren beendet ist, werden es wahrscheinlich 18 000 sein).

Das "Baudenkmal unseres Jahrhunderts" (NRW-Finanzminister Wertz) verfehlt seine Wirkung nie, auch nicht bei jenen Angehörigen der Universität, die schon Jahre in ihm verbracht haben. "Bochum", sagt ein Professor, "ist ein Saurier." – "Der Bau belämmert mich zeitweise", seufzte eine Laborantin, und ein Assistent faßte sein Urteil in dem Satz zusammen: "Die ganze Reform steckt im Beton." Anziehungskraft besitzt Bochum auch für ausländische Fachleute, zumal für die Japaner, die an der Ruhruniversität die deutsche Effizienz bei der Bewältigung der Studentenzuwachsrate studieren: Bewundert wird der "Mitteleinsatz" und die rationelle Bauweise. Darauf verweist auch Rektor Hans Faillard jedesmal, wenn man ihm mit Entfremdungstheorien kommt und ihm die Frustrationen seines Amtes zuviel werden. Er tritt dann ans Fenster, weist mit großer Gebärde auf das Werk, das er während seiner Rektoratszeit erfolgreich gemehrt hat, und sagt, auch sich selber zum Trost: "Schauen Sie sich doch an, was hier geleistet wurde. Mit Gruppenproporz wäre das nie möglich gewesen. Man mußte Fachleuten vertrauen."