Von Reinhard Baumgart

Ein Kunstpreis ist nun an Uwe Johnson gefallen, doch "Kunst" – dieses allzu goldene Wort hat er selbst nur zögernd, eigentlich ungläubig auf seine eigenen Produktionen anwenden wollen. Kunst, schrieb er über sein zweites Buch, sollte womöglich nicht genannt werden, was nur eine "Form der Wahrheitsfindung" sei.

Und doch hat dieser Autor, so ausschließlich wie nur wenige seiner Generation, fast nur hervorgebracht, was gegen seine oder mit seiner halben Zustimmung für Kunst gehalten wird: rund 2000 Seiten Erzählungen und Romane bis dato. Was er daneben publiziert hat in direkter Rede, ohne den Umweg über Fiktionen, das fällt schon als Quantität kaum ins Gewicht. "Bilde Künstler, rede nicht" – an diese selbstbewußte, aber auch resignative Formel hat Uwe Johnson sich gehalten, bewußt oder unbewußt. Er hat der Kulturindustrie reichlich Anlaß gegeben, Meinungenüber ihn zu produzieren, doch er selber hat seine Meinungen merkwürdig selten bekanntgegeben. Nirgends ein Aufsatz, eine Nachtstudiothese vonihm über unsere SPD, über John Lennon, kapitalistischen Wohnungsbau oder Kafkas Nachlaß. Er hat sich nicht beteiligt an diesem öffentlichen Reden "zu" und "über", anders als fast alle seine Kollegen, ob aus Neigung zum Honorar oder zum Thema. Verschwiegen darf man ihn nennen, trotz, ja wie sich herausstellen wird, gerade wegen dieser 2000 Seiten erzählender Prosa.

Dieser fast nur bildende, fast nicht redende Künstler hat also fast ausschließlich auf etwas gesetzt, was sehr honoriert, aber nicht genügend honoriert wird. Ob ihm auch dafür und deswegen ein Preis gegeben wird? Vermuten wir ruhig: Ja. Wie aber verhält sich der Büchner-Preis, wenn wir seinen Namen pedantisch ernst nehmen, zu diesen! Werk? War Büchner verschwiegen? Eine überflüssige, eine rhetorische Frage. Er war nicht verschwiegen, er war unter Lebensgefahr vorlaut, er war nicht gelassen, er war ein Agitator und war, behaupteten später seine Entdecker in diesem Jahrhundert, ein erster Expressionist. Keine Chance also, zwei unvereinbare Köpfe, Uwe Johnson und Georg Büchner, einer Feierstunde zuliebe auf einen gemeinsamen Nenner zu nivellieren. Doch Georg Büchner, als er starb, war ja gerade im Begriff, der Kunst zu entlaufen in unverdächtigere "Wahrheitsfindung", in sogenannte reine Wissenschaft, und war, als er starb, ganze dreiundzwanzig Jahre alt – viel spricht dafür, daß wir diesen Expressionisten mit vierzig vor lauter wissenschaftlicher Gelassenheit nicht wiedererkannt hätten.

Verschwiegenheit, Gelassenheit – die Stichworte sind gefallen, denn auf sie reimt sich, was an Johnsons Erzählungen zuallererst ins Auge fällt: ihr Realismus. Hier läßt jemand alles und alle, die Personen, die Dinge, die Verhältnisse, so ausgiebig, neugierig, unermüdlich zu Worte kommen, daß man nur an Stellen der Überanstrengung noch merkt, wie sehr er selber sich doch heraushalten möchte aus dem Erzählten. Hier hat sich jemand entschlossen, in Zungen zu reden, lieber eine Geschichte in babylonische Sprachverwirrung hineinzuerzählen, als ihr die eigenen Ausdrucksbedürfnisse aufzuprägen. In "Mutmaßungen über Jakob" sah dieser Wille zur Objektivität, weil radikal, schon aus wie der Umschlag ins krasse Gegenteil. In den "Jahrestagen", hieß es, würden die mitgeteilten Fakten fast schon verbergen, daß sie überhaupt noch von jemandem erzählt werden. Geblieben ist vom Anfang bis jetzt als Schreibimpuls, Anschauung hervorzubringen um den Preis der eigenen Unsichtbarkeit, so viel Informationen anzubieten wie möglich, nicht aber eine, die fertige eigene Meinung. "Ich meine nicht", so Johnson, "daß die Aufgabe der Literatur wäre, die Geschichte mit Vorwürfen zu bedenken. Die Aufgabe der Literatur ist vielmehr, eine Geschichte zu erzählen." Ein gelassenes, ein stoisches Programm.

Was die Epoche ihnen auch zumutet an Verlusten, Kränkungen, Enttäuschungen – Johnsons Figuren versuchen es durchzustehen ohne jede Exaltation, ruhig nach außen, gefaßt. Jakob, Johnsons erster Protagonist, dieses Denkmal des Gleichmuts und der gediegenen Zuverlässigkeit, er scheint immer noch der Stammvater aller wichtigen Figuren. Achim und Gesine, die Krankenschwester und der Kunsttischler Cresspahl, alle scheinen sie gesegnet und geschlagen mit dieser nützlichen stoischen Fassung, die nach außen schon wirken kann wie Phlegma. Daß Freiheit des Individuums in diesen: Zeiten auf nichts weiter hinausläuft als Einsicht in die Notwendigkeit ten – hier scheint diese Formel begriffen und angenommen. Soll das nun heißen, daß in Johnsons Büchern Ruhe gefeiert und bestätigt wird als erste Bürgerpflicht? Ich will nur behaupten, daß dieser Autor seine Personen bis in ihre letzten Regungen politisch versteht, daß er sie immer nur reagieren sieht auf die Verhältnisse, in die sie eingesperrt sind. So genau, so illusionslos hat seit Brecht kaum ein Erzähler den Menschen durchdefiniert als Gesellschaftswesen.

Denn überall, wo man sonst hineinliest in zeitgenössische Erzählungen, werden die sozialen Rollen durchaus nicht mit Gelassenheit hingenommen und durchgehalten, im Gegenteil: Überall zappeln und zucken da die Figuren, schlagen um sich, demonstrieren Gereiztheit, Erschöpfung, Rebellion, eine Empfindsamkeit bis zur Neurose, bei Weiss oder Frisch, bei Böll, Koeppen, Walser, Bernhard, Grass oder Hildesheimer. "Überlegsam", das Stichwort für Jakob, will dort offensichtlich niemand sein: In dieser Literatur gilt offenbar gerade alles Außersichsein als Zeichen moralischer Gesundheit und Integrität. Gemessen an solchen Bewußtseinstumulten – von was erzählt eigentlich Johnson, von der Ruhe vor oder nach oder mitten im Sturm?