Karl Winnacker: Nie den Mut verlieren. Erinnerungen an Schicksalsjahre der deutschen Chemie. Econ Verlag, Düsseldorf–Wien. 528 Seiten, 28 DM.

W o Politiker die Tinte oft nicht halten können, tun sich Wirtschaftsmanager meist schwer. Ist die Memoirenliteratur aus der Politik kaum noch überschaubar, so sind Erinnerungen aus dem Wirtschaftsleben selten. Jetzt hat einer der Manager der ersten Stunde, Professor Karl Winnacker, seit der Ausgründung der Farbwerke Hoechst aus der alten IG Farbenindustrie AG in Jahre 1952 Vorstandsvorsitzer des heute größten deutschen Chemieunternehmens bis 1969, seine Erinnerungen zu Papier gebracht. Sie schlagen einen weiten Bogen von den Anfängen der deutschen Großchemie über die dunkle Zeit des Dritten Reiches bis zum Wiederaufstieg aus Schutt und Asche.

Winnacker, heute Hoechster Aufsichtsratsvorsitzender, hat keine Skandale oder persönliche Auseinandersetzungen zu bieten. Dennoch liest sich sein Buch streckenweise wie ein spannender Abenteuerroman, insbesondere die Schilderungen der Kämpfe um eine sinnvolle Neuordnung der deutschen Chemie, bei der nicht wieder ein IG-Koloß entstehen durfte, sollte der Wiederaufstieg nicht am Widerspruch politischer Gegner scheitern, denen auch Konkurrenzdenken nicht fremd war. Hier bietet Winnacker selbst Insidern manch neues Detail.

Aus jeder Seite des Buches schaut jener Karl Winnacker heraus, den Geschäftspartner und Journalisten in jahrelangen Begegnungen kennengelernt haben: auf den ersten Blick nüchtern, fast ein wenig spröde, von preußischer Disziplin. Bei näherem Kontakt – auch hier verleugnet das Buch seinen Autor nicht – erweist sich Winnacker als warmherziger, aufgeschlossener Mensch, dem Teamarbeit mehr liegt als manchem anderen Wirtschaftsboß, der Eigenwilligkeit und Härte durch äußeren Charme überdeckt. So nimmt es denn auch nicht wunder, daß – nur scheinbar ein Widerspruch – sehr persönliche Reiseeindrücke einen breiten Raum einnehmen.

Das Buch wird sicher auf Widerspruch stoßen, weil es weder das Vorurteil vom kapitalistischen Moloch der Großindustrie nährt, noch verniedlichend oder gar beschönigend das Bild einer heilen industriellen Welt zeichnet, die es nirgendwo mehr gibt. Insofern reichen die Erinnerungen Karl Winnackers über den Rahmen eines bedeutenden Zeitabschnittes der deutschen chemischen Industrie hinaus.

Wolf gang Müller-Haeseler

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