Kempten

Am Augarten weg in der 45 000-Einwohner-Stadt Kempten im Allgäu stehen seit kurzem drei Hochhäuser im Stil zeitgenössischer Einfachbauweise. Die Leute, die hier eingezogen sind, lebten bisher am Rande des Appartementwunders in einer sogenannten Behelfswohnsiedlung. Jetzt allerdings können sie sich wie die Bewohner eines wahren Wohlstandsdenkmals fühlen. Denn wenn sie aus der Haustür treten, sagt ihnen eine in Beton eingelassene Ehrentafel, wem sie ihre neuen Wohnungswände zu verdanken haben: dem hochherzigen Innenminister des Freistaates Bayern, also – wohl sei’s gemerkt – einem Mann der Christlich-Sozialen Union.

Die Sozialbau GmbH Kempten, eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, die diese Häuser errichtet hat, fühlte sich unlängst bei einer Veranstaltung, auf der die Errichtung von mehr Kinderspielplätzen gefordert wurde, für derartige Anlagen nicht zuständig: Ihr fehlten dafür die nötigen Mittel. Im Fall Augartenweg jedoch muß die Gesellschaft ein paar ungebundene Tausender in der Hinterhand gehabt haben. Sie baute eine Art Pavillon und ließ im Halbrund der Innenwand eine Tafel anbringen, die jedermann verkündet, daß diese Häuser "das sichtbare Zeichen der besonderen Förderung des Wohnungsbaus durch Innenminister Dr. Bruno Merk" seien. Und darüber hinaus erfährt der gerührte Leser, daß damit nun die Wohnungsnot der Stadt Kempten behoben sei – "was natürlich ein Witz ist", kommentiert Günther Wirth, Kemptener Landtagsabgeordneter der SPD.

Wirth, dreißigjähriger Rechtsanwalt, stellte sich die naheliegende Frage: Wo kämen wir hin, wenn zu jedem neuen Wohnblock, Autobahnabschnitt oder öffentliche Gebäude ein Denkmal für den jeweils amtierenden Minister errichtet würde? "Das hier ist peinlich, es schmeckt nach Parteiwerbung auf Kosten von Sozialmietern." Nun will der Abgeordnete in einer schriftlichen Anfrage vom Minister wissen, ob er über die sachfremde Verwendung von Mitteln für den sozialen Wohnungsbau unterrichtet war.

Hinzu kommt noch die Verärgerung darüber, daß die Baugesellschaft erst kürzlich erklärte, keinen Pfennig für andere Maßnahmen als den Wohnungsbau verwenden zu können. Das Merk-Mal wird auf 8000 bis 10 000 Mark geschätzt. Wirth: "Was hat hier Vorrang: Kinderspielplatz oder Ministerdenkmal?" Der junge Abgeordnete will "daraus keine Staatsaktion machen". Aber es sind Anzeichen vorhanden, die auch noch einen bevorstehenden Staatsakt ("möglicherweise kommt sogar der Minister selbst") vermuten lassen! Drei Fahnenmasten sind bereits aufgestellt. Kilian Gassner