ARD, Dienstag, 26. Oktober: "Sand", von Tankred Dorst und Peter Palitzsch

Der sogenannte "Neue Deutsche Heimatfilm" versteht sich als eine politische Korrektur jenes beliebten und noch heute im Ausland mit deutschem Film identifizierten Genres der fünfziger Jahre. Schlöndorffs "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach", Hauffs "Mathias Kneissl", Vogelers "Jaider, der einsame Jäger", Moorses "Lenz", Brandners "Ich liebe dich, ich töte dich" und nun Dorst/Palitzschs "Sand": Versuche sozialkritischer, analytischer Eingriffe und Rekonstruktionen, die, ob streng historisch und dokumentarisch oder fiktiv und individualistisch, deutsche Vergangenheit als Beispiele sozialen Unrechts zitieren und fast zwangsläufig immer wieder auf Porträts historischer Rebellen hinauslaufen.

So auch der Film des Dramatikers Tankred Dorst (Buch) und des Theaterregisseurs Peter Palitzsch (Regie) über den Jenaer Theologiestudenten Carl Sand, der 1819 den wegen seiner unzähligen volkstümlichen Sitten- und Rührstücke populären August von Kotzebue in Mannheim erstach, Kotzebue war russischer Staatsrat und hatte in Zeitungen sowie in seiner Berichterstattung an den Zarenhof den teutonischen Patriotismus und die liberale Gesinnung der deutschen Burschenschaft verhöhnt; er war der erklärte Feind zumal der Jenaer Studenten, die 1817 das national-revolutionäre Wartburgfest initiierten.

Soweit es Dorst/Palitzsch um die "Autopsie eines politischen Mörders" ging, ist das Unternehmen geglückt. Sand (Valentin Jeker) im Gebet, mit Kameraden beim Studium und in der Diskussion, auf dem Schlachtfeld bei Leipzig, auf der Reise nach Mannheim, auf der Wartburg, Sand in seinem Zimmer bei spiritistischen Übungen, Wachsdolche bastelnd, schattenboxend auf der Straße, beim Blindekuhspiel seinen Namen soufflierend aus Angst, der Freund könne ihn als einzigen nicht erkennen, und ihn dann wütend von einem anderen im Grase trennend, Sand nackt mit Dolch und Burschenband vor einem Mädchen in der Scheune posierend: Der junge Attentäter erscheint da wirklich als "Spitze eines Eisbergs" (Palitzsch) verschwommener politischer Vorstellungen, einer unguten Mixtur aus Chauvinismus, kollektiven Neurosen, Schwärmerei, Homoerotik, aus Sehnsucht nach und Unfähigkeit zu menschlichen Beziehungen.

Auch der Film ist wie ein Eisberg, von kalter, spröder Eindringlichkeit, mit harten, teilweise willkürlichen Schnitten, mit sparsamen Kamerabewegungen und oft sehr langen, auch stummen Einstellungen; manche Sequenzen sind zu.starren, aseptischen Bildern stilisiert Und mehr das Konzentrat eines Motivs oder eines Milieus – zu distanziert und zu kühl vielleicht, zu betont "ohne Drall" und "Tendenz" (Palitzsch), die neutral präsentierten Fakten dadurch eher verrätselnd und Irritationen statt Klarheit bewirkend.

Zudem wird diese brechtische ästhetische Kargheit, nicht konsequent durchgehalten: Kotzebues einziger Auftritt, der Gang seinem Mörder entgegen, macht ihn durch das Passieren endloser Türen, Flure und Zimmerfluchten allzu künstlich zum eitlen, hohlen Popanz, und der Mord wird durch Detailwiederholungen in Großaufnahme und Zeitlupe allzu schön zum bedeutungsträchtigen Akt zerdehnt.

Etwas anderes aber wiegt schwerer Dorst/ Palitzsch meinen (und ihr Film demonstriert) zunächst einen individuellen Einzelfall vor der Folie eines bestimmten politischen Klimas. Dann aber beanspruchen sie doch Parabelqualität, wollen auf das generelle Problem hinaus, "wie sich junge Menschen zu einer Gesellschaft verhalten, revolutionär oder evolutionär". Nur: diese Gesellschaft, gegen die Sand und seine Kommilitionen kämpfen, wird im Film nicht gezeigt; die Entwicklung Sands zu seiner "Fehlhaltung" erscheint als individueller Prozeß eines Schwärmers, weil das historische Environment ausgespart oder nur vage angedeutet, Kotzebue selbst zum Beispiel ein Schemen bleibt.