Weil das "Wohl der ganzen Nation" auf dem Spiel stehe, vertraute US-Präsident Richard Nixon bisher darauf, daß Amerikas Businessmen sein Preiserhöhungsverbot vom 15. August einhalten würden. Gemogelt wird aber offenbar doch, wie die Regierung letzte Woche zugegeben hat: Obwohl die Verbraucherpreise im September um nur 0,2 Prozent anstiegen. – etwa um die Hälfte des Durchschnitts der letzten sechs Monate –, fanden die Volkswirte des Department of Labor für einen beträchtlichen Teil der festgestellten Preiserhöhungen "keine eindeutigen Erklärungen".

Als Maßstab dient; der Behörde eine im September angefertigte Untersuchung von Preisen für mehr als 3000 Artikel. Die Gegenüberstellung mit den heutigen Preisen ergaben Preiserhöhungen bei acht Prozent der Artikel. Vermutlich wurden die Preise der meisten dieser Artikel illegal erhöht. Das Steueramt will nun nachprüfen, ob Zuwiderhandlungen vorliegen, und Missetäter gegebenenfalls zur Rechenschaft ziehen. Näher beschauen wollen sich die Beamten vor allem die Preise für Damenoberbekleidung, Orangenkonzentrate, mehrere Fleischsorten und Margarine.

Enttäuscht war die Regierung ferner über die Ergebnisse der jüngsten Übersicht des Department of Commerce zur Gesamtproduktion der Wirtschaft: Vom Juli bis September nahm das Bruttosozialprodukt um nicht mehr als 16 Milliarden Dollar zu. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum von drei Prozent. Ein jährlicher Zuwachs von vier Prozent wird als normal angesehen, obwohl damit eine Senkung der Arbeitslosenziffer nicht erreicht werden kann. Die Schwäche der Produktion im dritten Quartal führt das Handelsministerium auf die – in Erwartung eines Stahlarbeiterstreiks – durchgeführten Vorratskäufe der Stahlverbraucher im vorigen Sommer zurück. Der Streik fand nicht statt, und seitdem greifen die Benutzer auf ihre aufgespeicherten Lagerbestände zurück.

Mittlerweile werden für die am 15. November beginnende zweite Stufe des wirtschaftlichen Stabilisierungsprogramms die letzten Vorbereitungen getroffen. Nixon berief die insgesamt 22 Mitglieder der beiden Kontrollbehörden zur Überwachung der Preise und Löhne. Vorsitzender der Lohnkommission wird ein Bundesrichter aus dem Staat Washington, Leiter der Preisüberwachungsbehörde der Dekan einer Business School im Süden. Von beiden Einrichtungen erwartet man, daß sie sofort nach dem Inkrafttreten der "Stufe zwei" Antworten auf schwierige Fragen bereit haben.

Es gilt festzustellen,

  • welche Wirtschaftszweige Genehmigungen für Preiserhöhungen im voraus einholen müssen, welche erst im Anschluß an Veränderungen der Preise Bericht zu erstatten haben und welche nicht meldepflichtig sind;
  • ob die Lohnkommission und das Preisüberwachungsamt allgemein gültige Richtlinien über Löhne und Preise festlegen oder Entscheidungen auf einer "Fall-zu-Fall-Basis" treffen sollen;
  • welche Regelung für vertraglich vereinbarte, während des Lohnstopps jedoch aufgeschobene Lohnerhöhungen gelten soll.

Amerikas Wirtschaftsbosse befürchten für Nixons "Stufe zwei", daß Löhne und Gehälter in den kommenden Monaten weiter emporklettern, während Preise und Profite schärferen Kontrollen ausgesetzt sind. Diese Sorgen fanden, in der vergangenen Woche auch an den Börsen ihren Niederschlag: In Wallstreet verlor der Dow-Jones-Index 22 Punkte. pf