"Heil ohne Hasch" – unter diesem Titel schrieb Lutz Rolle in der ZEIT Nr. 39 über seine Erfahrungen mit Transzendentaler Meditation. Sein Bericht fand unter den jungen Lesern ein lebhaftes Echo. Manfred Hinz aus Berlin schickte uns dazu die folgenden kritischen Anmerkungen;

Der Autor meint, den Weg gefunden zu haben, den Weg zur Verbesserung der Welt. "Man braucht nur anzufangen, sich selbst zu kräftigen, um die eigenen Probleme zu lösen und die der Mitmenschen günstig beeinflussen zu können." Dies ist also sein Weg, nur, wohin führt er?

Ich kann den Autor gut verstehen, wenn er nach ergebnislosen Diskussionen und Demonstrationen resignierend feststellt, daß er allein zu schwach ist. Ich selber habe die gleichen Erfahrungen gemacht. Ich kann verstehen, wenn er die ihm übermächtig erscheinenden Probleme der Umwelt für den überschaubaren persönlichen Bereich vereinfacht, denn genau das ist sein Weg.

Er hält "die Unzufriedenheit und Unerfülltheit des Individuums" für die letzten Ursachen der Mißstände in der Welt und fragt nicht, wodurch diese wiederum verursacht worden sind. Er hat völlig richtig erkannt, "daß das Leben voller Probleme steckt", er geht aber leider nicht mehr gegen diese Probleme an, sondern kapituliert vor ihnen.

Wenn man schon die Welt kaum ändern kann, sollte man wenigstens sich selber ändern, das ist seine Meinung. Gut, nur sollte man darüber nicht die Hauptaufgabe vergessen, eben die Veränderung der Welt, und in diesem Vergessen scheint mir die große Gefahr zu liegen. Der Autor schreibt: "Man braucht nur anzufangen, sich selbst zu kräftigen ..., um die Probleme der Mitmenschen günstig beeinflussen zu können." Da haben wir genau jenen schwerwiegenden Fehler, dem nach meinen Beobachtungen immer mehr meiner Altersgenossen erliegen, auch wenn man noch längst nicht von einem allgemeinen Trend sprechen kann. Es genügt eben nicht, sich nur selbst zu kräftigen, um die Probleme der Mitmenschen günstig beeinflussen zu können.

Früher nahm der Autor an Demonstrationen teil, heute macht ihm seine Arbeit wieder Spaß, dank Transzendentaler Meditation. Die Transzendentale Meditation wird hier als Ersatzdroge ohne schädliche Folgen angepriesen, als "Krücke" auf dem Weg der eigenen Revolutionierung. Lutz Rolle berichtet von Freunden, die "von Rauschmitteln auf Transzendentale Meditation umgestiegen sind...". Leider werden diese Mittel nicht dazu benutzt, um Kraft zu schöpfen zum Kampf gegen die Gesellschaft, sondern dazu, sich wieder in sie zu integrieren, "... ein harmonisches Verhältnis zu meinen Mitmenschen zu gewinnen". Das heißt, die Selbstfindung durch Transzendentale Meditation hat in diesem Fall systemstützenden Charakter. Das muß allerdings nicht so sein, wie Erfahrungen in meinem Freundeskreis zeigen, in dem auch einige Kurse für Transzendentale Meditation besucht haben. Denn man kann auch durch Transzendentale Meditation das einem von der Gesellschaft aufgepropfte Bewußtsein überwinden, wa ja eben Selbstfindung bedeutet.

Ich möchte allerdings bezweifeln, daß dafür allein Transzendentale Meditation ausreicht. Durch das Abstreifen des zweiten Bewußtseins, so sagen die Befürworter von Transzendentaler Meditation, gewinne man Abstand von der Gesellschaft und könne sie durchschauen. Das stimmt, scheint aber bei Lutz Rolle nicht der Fall zu sein, deshalb stehe ich auch seiner Selbstfindung kritisch gegenüber. Er und seine Freunde suchten erst "Heil mit Hasch", bekamen "Hasch ohne Heil" und suchen jetzt "Heil ohne Hasch", dafür aber mit Transzendentaler Meditation. Es mag richtig sein, diese Mittel auch einzusetzen, aber allein reichen sie sicher nicht aus. Der Autor, der sich ja angeblich gekräftigt hat, hätte weitermachen müssen mit seiner Kritik an der Gesellschaft; Aber er zog sich auf sich selbst zurück, legt seine frühere, heftige Kritik als Produkt seiner Ratlosigkeit aus und stärkt damit die bestehenden Verhältnisse. Die berühmte alte "Flucht nach innen".