Bundeskanzler Brandt ist am vergangenen Mittwoch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. In der Begründung, die von der Vorsitzenden des Verteilungskomitees des norwegischen Parlaments, Aase Livnäs, in Oslo verlesen wurde, heißt es unter anderem: "Als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und im Namen des deutschen Volkes hat Willy Brandt seine Hand zur Versöhnung zwischen Völkern ausgestreckt, die lange Zeit Feinde waren. Im Geiste des guten Willens hat er außerordentliche Ergebnisse bei der Schaffung von Voraussetzungen für den Frieden in Europa erzieh.

Das Komitee würdigte die "konkreten Initiativen", für eine Entspannung, die Brandt als Außenminister der Großen Koalition und seit 1969 als Kanzler ergriffen habe und weist dabei auf die Unterzeichnung des Atomsperrvertrages und der Verträge mit Moskau und Warschau hin. Darüberhinaus erwähnt das Komitee auch die Bemühungen Brandts um die Freiheit Westberlins.

Außer Brandt waren dem Komitee 39 andere Persönlichkeiten, darunter der brasilianische Erzbischof Helder Camara genannt worden. Brandt war vom jetzigen dänischen Ministerpräsidenten Krag im Namen der sozialdemokratischen Fraktion des dänischen Parlaments, vom amerikanischen Historiker Wolfgang Yourgrau, vom französischen Abgeordneten Charles de Chambrun, vom Präsidenten der senegalesischen Nationalversammlung, Amadou Cisse Dia, und von dem italienischen Professor Giorgio La Pira, ehemaliger Oberbürgermeister von Florenz, vorgeschlagen worden.

Der Bundeskanzler erhält als vierter Deutscher in der siebzigjährigen Geschichte des Preises die hohe Auszeichnung. Der letzte deutsche Preisträger vor Brandt war im Jahre 1935 der Publizist Carl von Ossietzky, der den Preis nicht entgegennehmen konnte, weil die Nazis ihn in ein KZ gesperrt hatten. 1938 starb Ossietzky an den Folgen der Haft. 1926 teilte sich der damalige Reichsaußenminister Gustav Stresemann den Preis mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand, 1927 der Publizist und Historiker Ludwig Quidde mit dem französischen Pädagogen Ferdinand Buisson.

Der Preis, der auf das Testament des Dynamit-Erfinders Nobel zurückgeht, beträgt umgerechnet 330 000 Mark. Brandt wird die Auszeichnung im 10. Dezember in Oslo in Empfang nehmen.

Die Reaktion des Auslandes auf die überraschende Wahl war fast ausschließlich positiv. Erste Glückwünsche kamen von UN-Generalsekretär U Thant und von den Staatschefs der westlichen Verbündeten. Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin sagte in Kanada, wo er sich gegenwärtig zu einem offiziellen Besuch aufhält: "Ich bin sehr glücklich, daß er (Brandt) den Preis bekommen hat. Er Hat ihn verdient.

In Bonn schlug die Meldung wie eine Bombe ein. Das Parlament debattierte gerade über den Haushalt des kommenden Jahres, als Bundestagspräsident von Hassel die Sitzung unterbrach und die Verleihung des Preises an Brandt bekanntgab. Der Bundestag spendete langen Beifall, SPD und FDP sowie einige wenige Abgeordnete der CDU/CSU hatten sich von den Sitzen erhoben. Als erster gratulierte der CDU-Vorsitzende Barzel. In Stellungnahmen betonten Vertreter der Unionsparteien, daß sie den Friedenswillen Brandts achteten und unterstützten, den von ihm beschrittenen Weg aber für falsch hielten.

Am Donnerstag zeigten sich erste Auswirkungen der Preisverleihung auf das Klima des Bundestages: In einer erst in der vorangegangenen Nacht konzipierten Rede beschwor Barzel die "Gemeinsamkeit aller Demokraten zur Wahrung des inneren Friedens" und warnte vor der totalen Konfrontation. Brandt bescheinigte Barzel eine "bemerkenswerte Rede".