Als Pablo Neruda vor Jahren eine der vielen Auszeichnungen für seine Dichtung entgegennahm, sagte er: "Ihr ehrt nicht mich, sondern den Sieg eines Menschen in diesem durch unermeßlichen Ozean und Schnee isolierten Vaterland."

Der Nobelpreisträger von 1971 würde seinen Dank heute nicht mehr so formulieren; denn das Werk dieses siebenundsechzigjährigen Chilenen war eine der Ursachen, die die kulturelle und politische Isolation Chiles in Lateinamerika überwunden haben. Mehr als das: im gesamten spanischen Sprachraum, zu dem zweihundert Millionen Menschen zählen, ist seine Dichtung verbreitet, und Übersetzungen in die wichtigsten Sprachen haben die Wirkungsmöglichkeiten noch erweitert.

Anders als bei der Chilenin Gabriela Mistral (Nobelpreis 1945) und bei dem Guatemalteken Miguel Angel Asturias (Nobelpreis 1967) ist bei Neruda die Rolle des Fürsprechers, des Wortträgers eines lateinamerikanischen Aufbruches zu sich selber hervorzuheben: "Wir sind die Chronisten einer verzögerten Geburt", schrieb er 1953. "Verzögert durch den Feudalismus, durch die Rückständigkeit, durch den Hunger. Es geht jetzt nicht nur darum, unsere Kultur zu erhalten, sondern sie unseren Kräften auszuliefern, sie zu nähren und zur Blüte zu bringen."

Der Bahnarbeitersohn Pablo Neruda heißt eigentlich Ricardo Neftali Reyes Basoalto. Er verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Temuco, einer südchilenischen Stadt, die damals noch die Grenzen der Zivilisation markierte. Die Vertreibung der Indianer lag nicht lange zurück, und der Landraub der Chilenen, gemeinsam mit spanischen, deutschen, italienischen, schottischen und türkischen Einwanderern, war in vollem Gang. Neruda erinnerte sich später an die Far-West-Atmosphäre jener ersten Jahre. In unmittelbarer Anschauung erlebt er den brutalen Aufbau einer neuen Gesellschaft, die Geburt einer Sozialordnung, die ihn später, als er sie überall in Chile und Lateinamerika antraf, dichterisch beschäftigte.

Zuerst aber, und für immer, prägten sich in seine Sinne die gewaltigen Regenfälle, der nahe Urwald, der Geruch der Verbindung von Wasser, Holz und Erde. Hinzu kam die unvermittelte Vertrautheit mit Tieren, Insekten, Blumen, Bäumen, Früchten, Wasserläufen, Mineralien, Metallen. Diese Umwelt im Naturzustand wurde zur Grundlage seiner Arbeit. Bis heute schüttet er ihre Materialien, versehen mit einfachen bis überspannten Adjektiven, in seine Wortströme. In ihnen vermutet er die ersten Chiffren, die zum Verständnis der Entwicklung Lateinamerikas nötig sind.

Nerudas "Ich" ist in seinen Poemen ruhelos, fortwährend mit sinnlicher Teilnahme, Besitznahme beschäftigt. Die Liebe herrscht vor. In den frühen Werken ist es eine ungehemmte, rastlose, manchmal brutale Erotik. Dem zwanzigjährigen Studenten in Santiago, der sich das Pseudonym Pablo Neruda zulegte, um Zusammenstöße in seiner Familie zu vermeiden, gelang der erste große Erfolg mit "Zwanzig Liebesgedichte und ein verzweifeltes Lied" (1924). Fast ein halbes Jahrhundert ist seither verstrichen, immer noch schenken sich junge Liebesleute in Lateinamerika dieses Büchlein, das ihnen die Worte aus dem Herzen nimmt und ihre Kontaktversuche entkrampft.

Von 1927 bis 1932 lebte Neruda als schlechtbezahlter, aber auch selten beanspruchter chilenischer Konsul in Südostasien. In Java; Ceylon, Singapur und Indien beeindruckte ihn mehr als die Exotik die koloniale Unterdrückung und das Elend der Einheimischen. Am Ende seiner fernöstlichen Periode legte er "Aufenthalt auf Erden" vor (1933). Dieses Werk wird von vielen für sein bestes gehalten, Neruda selbst sah später im Pessimismus und der Egozentrik dieser Schaffensperiode das Krankheitssymptom eines im Kapitalismus unglücklich verstrickten Arbeitersohnes.